Dieser Blog behandelt meine mich prägende Heimzeit von 1957 bis 1963, in der ich vielen demütigenden Handlungen und sexuellem Missbrauch ausgesetzt war. Gleichzeitig soll die strukturelle Dimension des Missbrauchs deutlich werden, die weit über die Individualschuld der Pflegerinnen und Fürsorgemädchen hinausgeht. Verantwortlich waren leitende geistliche Personen des Frauenheims, das Landeskirchenamt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Kontrollbehörden usw.
| 01. | 0 | Vom Wechsel zwischen den Welten |
| 02. | Vom Hören, Sprechen und der Flucht in meine Welten | |
| 03. | Erinnerungen an Wanderungen | |
| 04. | Erinnerungen an den Schwarzen Mann und die Hexen | |
| 05. | Erinnerungen an Essensgenüsse | |
| 06. | Erinnerungen an Ostern und Weihnachten | |
| 07. | Erinnerungen an das Essen | |
| 08. | Erinnerungen an Durst und Hunger | |
| 09. | Erinnerungen an Schläge | |
| 10. | Erinnerungen an das Unheimliche | |
| 11. | Erinnerungen an Fesseln und Knebel | |
| 12. | Begegnungen mit dem Tod | |
| 13. | Erinnerungen an Flucht | |
| 14. | Erinnerungen meines Körpers und der Seele | |
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Holzen, Kinderheim Ruebezahl, Geschichte des Heimes
Und es gab es doch ...das Kinderheim Rübezahl in Holzen!
| 1. | | Kurzer Überblick | |
| 2. | Das Lager und sein Umfeld zur Zeit des Nationalsozialismus | ||
| 2. | 1. | Lager für italienische Militärinternierte | |
| 2. | 2. | Konzentrationslager Buchenwald, Außenstelle Holzen | |
| 2. | 3. | Zeltlager des Konzentrationslagers Buchenwald | |
| 2. | 4. | Zuchthauslager, später Kinderheim Rübezahl | |
| 3. | Erste Nutzungen der Baracken nach dem Krieg | ||
| 4. | Kinderheim Rübezahl | ||
| 4. | 1. | Außenstelle des Frauenheims vor Hildesheim | |
| 4. | 2. | Einfluss der Politik des Vorstandes des Frauenheims auf die katastrophalen Verhältnisse in den Außenstellen | |
| 4. | 3. | Schließung des Kinderheims Rübezahl und Umzug nach Haus Harderode |
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Holzen und Harderode, Begegnungen im Mai 2009
"Homo hominis lupus est"
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Holzen, Heim Rübezahl, eine Annäherung
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Holzen, Kinderheim Rübezahl, wer verantwortet den Missbrauch an Kindern?
Im Netzwerke der Verantwortung darf die Schuld nicht verdunsten
| 1. | Allgemeine Betrachtungen | ||
| 1. | 1 | Das Pilgrim-Experiment | |
| 1. | 2 | Das Modell der Totalen Institution | |
| 1. | 3 | Schuld durch Unterlassung | |
| 1. | 4 | Erstes Résumé | |
| 2. | Die Verantwortung des Diakonischen Werkes Himmelsthür am Missbrauch der Kinder des Heimes Rübezahl | ||
| 2. | 1 | Die Wahl des Ortes | |
| 2. | 2 | Die fehlende Kontrolle | |
| 2. | 3 | Der Einsatz von unqualifiziertem Personal | |
| 2. | 4 | Der Einsatz von jungen Frauen aus der Fürsorgeerziehung | |
| 2. | 5 | Der Einsatz von jungen Frauen der Fürsorgeerziehung nach einjährigem Abschluss zu Kinderpflegerinnen | |
| 3. | Resumé | ||
| Ergänzung: Veni, creator spiritus |
Holzen, Kinderheim Rübezahl, Dokumente eines Skandals, Teil 1
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Holzen, Kinderheim Rübezahl, Dokumente eines Skandals, Teil 2
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Holzen, Kinderheim Rübezahl, Dokumente eines Skandals, Teil 3
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Zustände im Frauenheim vor Hildesheim wurden 1967 skandaliert, erfolglos!
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Erinnerungen aus meiner Zeit in Holzen
Die Geschichte darf nur mit meiner Genehmigung weiter publiziert werden.
Sie wurde von mir im Rahmen der allgemeinen Aufarbeitung der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre auf Anregung Herrn Hans Bauers (Projektleiter des Diakonischen Werkes, Hannover) Ende 2008 als lose aneinandergehängte Fragmente einer Erinnerung in wenigen Tagen aufgeschrieben. Die Bilder wurden in den darauffolgenden Jahren durch mehrere Besuche in Holzen ergänzt, wo ich mich auch mit Ehemaligen traf. Am Inhalt der Erinnerungen wurde nichts hinzugefügt. Auf Widersprüche mit Erzählungen Dritter bin ich bislang nicht gestoßen, jedoch auf viel Unglauben, gerade bei Bürgern Holzens.
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1. Vom Wechsel zwischen den Welten
![]() | Heute weiß ich, dass ich von September 1959 bis August 1963 im Kinderheim Rübezahl in Holzen gewesen bin. Ich war etwa zwei Jahre alt, als ich dorthin gebracht wurde. Geboren wurde ich im Juli 1957 in Himmelsthür im St. Bernward-Krankenhaus. Recherchen haben ergeben, dass meine Mutter damals im Frauenheim vor Himmelsthür lebte, eine Einrichtung für minderjährige Frauen. Meine Mutter muss bei meiner Geburt also unter 21 Jahren gewesen sein. Das Heim war eine Einrichtung der Fürsorgeerziehung. |
| Holzen, Kinderheim Rübezahl 1962
| Im Herbst 1963 kam ich in eine Adoptionspflegschaft zu meinen späteren Adoptiveltern. Es war ein denkwürdiger Tag. Selbst meinem kindlichen Gemüt war das sehr bewusst, als ich den VW-Bus bestieg, mit dem ich abgeholt und zum Bahnhof gebracht wurde. Ein Blick zurück auf meine Baracke sollte wie ein Photo werden. Ich hatte Angst, alles zu vergessen. Seltsamerweise fiel der Abschied vom Heim mir schwer. Vielleicht weil ich, ohne gefragt worden zu sein, mir Bekanntes, vor allem meine Freunde zurücklassen musste. Das Gefühl der Befreiung stellte sich erst später ein. Begleitet wurde ich von einer Fürsorgerin des Jugendamtes Hildesheim, die die Fahrt nach Bad Kreuznach zu meinen neuen Eltern begleitete. |
Zum ersten Mal sah ich eine Stadt, einen Bahnhof, eine Dampflok. Auf der langen Zugfahrt hielt ich eine Giraffe aus Holzringen in den Händen, die ganz alleine mir sein sollte. Was das genau war, wusste ich nicht, ich hatte keinerlei Vorstellung von persönlichem Besitz – aber ich war unglaublich stolz auf diese Giraffe und wollte sie auf keinen Fall aus den Händen geben. Würde ich sie irgendwann wieder zurückgeben müssen, würde sie auf einmal einfach wieder verschwunden sein, so plötzlich wie ich sie erhalten habe? Ich nahm die Ringe auseinander, steckte sie wieder zusammen und wunderte mich, dass sie nicht mehr so schön zusammenpassten. Irgendwann entdeckte ich, dass sie immer dann nicht passten, wenn ich die Reihenfolge beim 
Zusammenbauen verändert hatte. Dann fand ich eine Reihenfolge des Steckens, die mich an die alte Form zumindest erinnerte. Ich hatte für diese Entdeckungen sehr viel Zeit und immer, wenn ich aufschaute, lächelte die Frau mich an. Der Lack des Holztieres fühlte sich unglaublich glatt an, und die Farben hatten eine Tiefe, wie ich sie vorher nie gesehen hatte. Ich nahm die Ringe wieder und wieder auseinander, leckte daran, nahm die kleinen ganz in den Mund, was mir aber nur Schelte und strenge Blicke einhandelte.

August 1963. Mein neues Zuhause. Noch eine fremde Welt
Diesem denkwürdigen Tag gingen seltsame Veränderungen voraus. Schon Wochen vor der Abfahrt hatte die Tante im Heim angefangen, mich immer wieder von Kopf bis Fuß einzucremen. Ich stand dabei auf einem Tisch oder einem Sideboard. Das tat mir unglaublich gut, wir waren alleine und niemand da, der mich bedrängte. Mein Glied richtete sich auf und berührte immer wieder das Gesicht der Tante. Alles war gut! Was aber war diesem Wandel vorausgegangen?
Es gab zuvor einen Besuch von zwei Männern und einer Frau. Sie kamen mit einem roten Auto, in das ich einsteigen durfte. Ich hatte Autos zuvor immer nur am Heim vorbeifahren sehen. Vorher war ich zur Heimleiterin gebracht worden, die mich den fremden Leuten übergab. Verstanden hatte ich wenig von dem was da geschah. Die zwei fremden Männer und die Frau machten mit mir einen großen Spaziergang und schenkten mir einen bunten Lastwagen. Es sollte mein Auto sein. Mein Auto! Es war ein Lastwagen, in den ich richtig was hineinpacken konnte. Ich konnte ihn an einer Schnur hinter mir herziehen. Wenn sich dem Lastwagen Pfützen in den Weg stellten, wurde er von mir sorgfältig darüber gehoben. Er sollte doch nicht schmutzig werden. Ich fuhr mit meinem Laster über eine Brücke und hatte Angst, er könne die Brücke hinunterstürzen. So entschied ich, dass die ganze Brücke eine große Pfütze war und er deshalb über die Brücke gehoben werden musste. Auf einmal standen wir wieder vor dem großen roten Auto. Ich stieg mit meinem kleinen Auto hinein und wir fuhren weiter. Irgendwann saß ich mit den zwei Männern und der Frau in einem Raum und bekam etwas zu trinken. Um uns herum saßen fremde Leute, die auch etwas tranken. Ich verstand gar nichts, nur, dass alles ganz anders war als sonst. Ich war sehr glücklich, hatte auf einmal zwei Papas und eine Mutti bekommen und dazu noch eine heiße Tasse Schokolade. Es war etwas ganz wichtiges, was mich von den anderen Kindern im Heim unterschied.
Leider war der Tag schnell vergangen. Die beiden Männer und die Frau brachten mich wieder zurück ins Heim zu Frau Maier, der Heimleiterin, und verabschiedeten sich. Als ich aus dem Büro hinaus ging, war das rote Auto weg – aber ich hatte ja noch meinen Lastwagen. Bevor ich am Abend in den Schlafraum ging, ließ ich ihn von einer Tante in den Schrank stellen. So konnte ich ihn durch eine Glasscheibe sehen. Vor Aufregung schlief ich lange nicht ein, konnte ich mir doch auf alles keinen Reim machen. Auch dass ich jetzt zwei Papas hatte und dann doch wieder nur einen, beschäftigte mich sehr. Papas waren wohl Männer, die einen direkt ansprachen, nett zu einem waren einen nicht schlugen und auch die anderen Sachen nicht mit einem machten. Als ich am nächsten Morgen aufwachte und als erstes ins Wohnzimmer zum Schrank rannte, war der Laster weg. Ich konnte es nicht fassen. Leere im Schrank und Leere in mir. Nur Trauer – kein Auflehnen!
Später habe ich erfahren, dass der Besuch meiner zukünftigen Adoptiveltern im März 1963 stattgefunden hatte. Ihre beiden Kinder waren eineinhalb Jahre bzw. zwei Jahre zuvor gestorben. Dies sollte mich später noch beschäftigen.
Obwohl der Tag nach diesem Besuch so furchtbar traurig begann, merkte ich bald, dass sich im Heim irgendetwas verändert hatte. Es dauerte eine Zeit lang, bis ich herausfand was es war, doch dann verstand ich sehr genau: ich wurde weniger geschlagen! Und wenn es doch sein „musste“, so waren die Schläge längst nicht mehr so fest. Der Schmerz war gut auszuhalten und ließ viel schneller nach als früher.
Irgendwann kam ein Päckchen. Es war für mich. Wieder etwas für mich ganz alleine. Es war von den drei Leuten, die mich besucht hatten. Meine Güte, war ich stolz! In dem Päckchen waren drei Autos ganz aus Schokolade, eingehüllt in unterschiedlich farbiges Papier, was ganz anders war als sonst. An die Farben blau, gelb und rot erinnere ich mich genau. Von der Tante bekam ich gesagt, dass sie auf die Autos aufpassen wolle, ich könne sie ruhig wieder in den Schrank stellen. Das fiel mir sehr schwer, aber ich wollte die Autos auch nicht aufessen, sonst hätte ich ja nichts mehr davon gehabt. Außerdem gab es keinen Platz, der mir gewesen wäre. Das war mir erst in dem Moment bewusst geworden, als ich den Laster geschenkt bekam, und es keinen Ort gab, der mir gehörte und wo ich ihn hätte hintun können. Einen solchen Ort hatte ich vorher nie vermisst. Mit klopfendem Herzen und einem dicken Kloß im Hals lief ich am nächsten Morgen sofort ins Wohnzimmer, zögerte aber bei den letzten Schritten vor der Schwelle. Meine Vorahnung hatte mich nicht getrogen: die Schokoladenautos waren weg, nur ein leeres Papier konnte ich noch finden. Meine Verbindung zu den Leuten, die so anders, so freundlich zu mir waren, war mir genommen worden – es war furchtbar, viel schlimmer noch als bei dem Lastwagen. Ich war wieder alleine – ohne Trost und ohnmächtig vor Trauer, Schmerz und Wut. Tränen flossen mir über die Wangen, was damals nur noch selten passierte.
Was war so schlimm an diesem Heim? Dass wir gedemütigt und missbraucht wurden und über Allem der Terror lag, der jeder Zeit und ohne Berechenbarkeit unbarmherzig zuschlagen konnte. Lange habe ich später die Erzieherinnen damit entschuldigt, dass die Verhältnisse in den Baracken so waren, dass sie nur mit Schlägen eine Ordnung hineinbringen konnten. Auch habe ich sie in ihrem Verhalten damit zu entschuldigen versucht, dass es die Zeit der „Schwarzen Pädagogik“ war, wo das Schlagen und Demütigen allgemein anerkanntes Erziehungsmittel war, die Kinder dem Willen der Erwachsenen unterzuordnen. Erst in den letzten Jahren wurde mir immer deutlicher, dass es für das, was Menschen mit uns gemacht haben, keine Entschuldigung von Dritten geben kann, höchstens von mir als Opfer selber.
2. Vom Hören, Sprechen und der Flucht
....in meine Welten
Das Zuhören strengte mich immer an. Ich hörte, dass Kinder und Erwachsene mit mir redeten, auf mich einredeten, aber ich konnte den Klangbrei nur schwer entwirren – es war so anstrengend und ermüdend. Besonders wenn ich Angst hatte, hörte ich überhaupt keine Worte mehr, sondern nahm nur die Stimmungen auf, die mich warnten vor dem, was unentrinnbar über mich hereinbrechen würde. Es gab kein Entweichen, aber wenigstens konnte es mich nicht mehr überraschen. Leider gelang das nicht immer. Die Lähmung, aus der jederzeit Gewalt entspringen konnte, lag oft in der Luft. Die Momente unbeschwerten Spiels waren ungleich seltener.
Oft schmerzten mir die Ohren, dies aber auf ganz unterschiedliche Art. Es gab Geräusche, die mich in den Wahnsinn treiben konnten, immer davon abhängig, wie ich mich fühlte. Wenn diese Spannung in der Luft lag, war es für mich nicht auszuhalten, wie allein das Besteck der Kinder auf den Tellern klapperte. Ganz schlimm durchschnitt es mich, wenn ein Messer aufschrie oder eine Schaufel kratzte. Ich schrie dann so laut ich konnte, überschrie regelrecht das Kratzen und Schaben, nur so war es für mich auszuhalten. Noch heute kann ich ein Knacken beim Kauen nicht gut aushalten. So pflege ich Kekse im Speichel einzuweichen, bevor ich zubeiße, damit ich das knackende Geräusch zerbrechenden Gebäcks nicht hören muss.
Wenn die Tanten schrien, berührte mich das überhaupt nicht. Heimalltag, es war halt wieder soweit. Oft klang das Schreien weit entfernt. Ich wusste nicht, wem es galt, habe es kaum auf mich bezogen. Wichtig war nur, aus der Stimmung herauszuhören, was es dann setzte. Die Möglichkeit, sich auf den Schmerz einstellen und vorbereiten zu können, gab mir Sicherheit. Schlimm waren die Schläge, die aus dem Nichts kamen, nicht mit Stimmen und Schreien angekündigt wurden. Stimmen waren also wichtig.
Der andere Schmerz war ein durchdringender Schmerz, der bei Ohrfeigen entstand. Oft pfiffen danach die Ohren in einem hohen Ton, der mich wahnsinnig machte, weil ich nicht vor ihm weglaufen und ihn auch nicht überschreien konnte. Gut auszuhalten dagegen war, wenn ich an den Ohren gezogen und diese dann verdreht wurden. Dieser Schmerz war heftig, ließ aber schnell wieder nach.
Noch schwerer als das Hören fiel mir das Sprechen. Ich versuchte nachzuahmen, was ich hörte und hörte, dass es anders war, ohne mich aber korrigieren zu können. Bis ich meine Gedanken zusammen hatte und mir überlegte, was ich wie zu sagen hatte, waren die Erzieherinnen schon wieder wo anders. Wie weit ich mich da genau zurückerinnern kann, weiß ich nicht. Das Stottern und das Vertauschen von Konsonanten sollten mich noch bis ins dritte Schuljahr hinein begleiten.
Da weder das Hören auf Sprache noch das Sprechen mir weiterhalf, weil ich den fremden wie den eigenen Lauten keine Bedeutung zuordnen konnte, kultivierte ich das Beobachten zu meiner Überlebensstrategie. Zum Zuhören reichte mir die Zeit nicht aus, erst recht nicht zum selber Sprechen, doch blieb mir viel Zeit zum Beobachten. Ich lernte die Umwelt mit den anderen Sinnen zu begreifen. Doch selbst, wenn ich gut hätte zuhören und mich mit Worten verständigen können, niemals hätte ich verstanden, warum wir so bestraft wurden, wie es die Erwachsenen in diesem Heim mit uns Kindern taten. Vielleicht entwickelte ich aus diesem Grund die Fähigkeit, weniger der Sprache zu vertrauen als vielmehr dem, was ohne Sprache vermittelt wird.
Wenn ich im Bett lag, bewegte ich meinen Kopf hin und her. Das war schön und beruhigte. Fast war es so, als ob ich mich im Kreis drehte, bis sich ein wohliges Gefühl einstellte. Dieses Gefühl hatte zwar irgendwann etwas Komisches und nicht mehr Kontrollierbares, es begann sich zu verselbständigen und ich konnte nicht mehr damit aufhören. Trotzdem trug es mich weit weg in eine andere Welt, wo mir keiner etwas tun konnte. Wenn ich so einschlief, war es gut. Was mir auch half war, den Speichel aus dem Mund zu ziehen, zu spüren wie er kalt wurde, wie er seinen Geschmack veränderte. Ich entglitt in eine andere Welt, wenn ich ihn zwischen den Fingern zog, auf dem Metallbett ausstrich und wieder ableckte.
Die Flucht in meine eigene Welt, in der nur ich die Macht hatte, in der mir niemand etwas anhaben und in der ich mich selbst spüren konnte war das Quantum Trost, das mir zum Überleben half. Durch sie war die unverstandene und unverstehbare Welt um mich herum auszuhalten. Durch sie konnte ich den Geistern zumindest zeitweise entkommen, die mich in der Nacht verfolgten und ängstigten.
Wenn ich nachts zitternd und nass geschwitzt aufwachte, durfte ich mich nicht regen, auch nicht weinen oder gar rufen. Ich wurde sonst geschlagen, weil ich die anderen Kinder weckte. So blieb ich alleine mit den Bildern, die mich bedrängten, die mir panische Angst bereiteten, allein mit den Bildern des Tages und den Bildern der Nacht. Oft waren die Bilder nachts schlimmer, weil ich mich ihnen noch weniger erwehren konnte. Ich konnte nicht wegschauen, war ihnen ausgeliefert. So lag ich im Bett und schob den Schlaf hinaus, so lange ich konnte. Ich glaubte herausgefunden zu haben, wenn ich mich auf meine Weise beruhigte, dann waren auch die Bilder in der Nacht weg, oder zumindest nicht mehr ganz so schlimm.
3. Erinnerungen an Wanderungen
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Ein kleiner Teich links der Straße nach Grünenplan. Hier suchten wir nach Kaulquappen oder durften manchmal ein Bad nehmen. (Das Bild entstand bei meinem ersten Besuch 1988.) | Die Wanderungen waren ein Stück Freiheit. Raus aus den engen Wänden, weg von der kleinen Spielwiese, hoch auf die Straße und hinaus in die unendliche Welt der Wälder. In Zweierreihen sind wir immer an der Straße entlanggelaufen, Richtung Dorf oder Richtung Wald, meist Richtung Wald. Nach wenigen hundert Metern ging ein großer Waldweg im stumpfen Winkel links von der Straße ab. Nach kurzer Zeit kamen wir an einem Teich vorbei und marschierten von dort aus in einen endlosen Wald - Buchen/wald. Wir waren wandern. Es waren meist glückliche Stunden. Heute noch erinnere ich mich an den Geruch des Wassers, an die Waldböden, die je nach Jahreszeit unterschiedlich rochen, stechend staubig im Sommer, dumpf modernd im Herbst, schneeig-klirrend im Winter. |
| | Manchmal kamen wir an einem Gasthaus vorbei. Auf dem Boden suchte ich nach weggeworfenen Deckeln von Eisbechern. Wenn ich einen solchen Deckel im Vorbeigehen erhaschen konnte, wurde dieser zu einem Schatz, den ich in meinen Hosentaschen versteckte. Das Lecken daran war ein unglaublicher Genuss – es versöhnte mich mit dem Terror, der meinen Alltag bestimmte und entführte mich in eine andere Welt |
| Das Gasthaus zum Roten Fuchs in einer Ansicht aus den 50er Jahren. Es existiert heute noch und ist immer noch ein beliebtes Ausflugslokal. |
Ich sammelte in den Buchenwäldern Bucheckern und legte mir kleine Hamsterlager an. Die Eckern sollten helfen, wenn mich der Hunger wieder quälen würde. Ich genoss auf diesen Spaziergängen die Sonne, die Wärme, die Gerüche, die staubige Hitze oder die dumpfe Schwüle. Ich genoss die Kleeblüten die ich auslutschte, den Sauerampfer den ich aß, Baumfrüchte und sogar Holz, auf dem ich kaute. Überhaupt etwas zwischen den Zähnen zu haben und keinen Brechreiz zu bekommen war etwas Wunderbares. Im Erfinden von Fluchten und Ausdenken sicherer Orte war ich wirklich gut.
Ich genoss den intensiven Geruch de Walderdbeere und noch mehr ihren Geschmack. Es waren himmlische Leckerbissen, die im Vorbeilaufen zu erhaschen waren. Ganz anders war die Ernte von Blaubeeren, die wir alle zusammen suchen durften und in Körbe pflückten. Es war verboten sie zu essen und es dauerte lange bis ich herausfand, dass die Tanten an meinen Lippen ablesen konnten, dass ich genascht hatte.
Doch die brutale Alltagswirklichkeit ließ sich auch trotz findiger Fluchten und phantastischer Schutzburgen immer nur für kurze Zeit aus meinem Leben verbannen, Meine Kindheit war immer wieder von Augenblicken des Entsetzens begleitet. Die Brutalität konnte jederzeit zuschlagen – und meist schlug sie auch jeden Tag zu. Der alltägliche Terror, nicht nur die einzelnen Untaten, mit seiner regelhaften Unberechenbarkeit lag wie ein lähmender Alb auf jener Zeit, die oft gedankenlos als die schönste im Leben eines Menschen bezeichnet wird.
Auf einem dieser wunderbaren Spaziergänge wurde vor mir ein Junge für mich ohne einen erkennbaren Grund so an beiden Ohren hochgezogen, dass diese einrissen. Der Junge schrie wie am Spieß – noch heute spüre ich die Panik in mir hochsteigen, als ich das Blut und die eingerissenen Ohren sah. Nicht das Blut machte mich panisch, sondern der Schmerz des Jungen, den ich in meinen Ohren fühlte.
Auf diesen Spaziergängen gelangten wir öfter an einen hohen Turm. Dort legte ich mich ins Gras und schaute in den Himmel. Wenn Wolken kamen, geschah das Unglaubliche: der Turm begann sich zu bewegen, immer wieder – und blieb dennoch stehen. Wenn wir das nächste Mal dort hinkamen, freute ich mich, genau das gleiche Schauspiel wieder beobachten zu können. Ich glaube, der Turm steht heute noch und heißt Wilhelm-Raabe-Turm, benannt nach jenem Braunschweiger Erzähler, der gern Sonderlinge und seltsame Käuze schilderte, die auf ihre ureigene Weise den Kampf des Lebens zu bestehen suchen.
Kurz bevor wir auf dem Rückweg zu unseren Baracken die Landstraße wieder erreichten, mussten wir auf Kommando vom Weg nach links in den Wald treten, um unsere Blase zu leeren, die Mädchen im sitzen und die Jungen im stehen. Warum? Es war halt so. Es war immer ein Wettlauf mit der Zeit, die uns gewährt wurde. Eine neue Qual, denn oft stand ich am Baum und konnte nicht wie ich sollte, auch wenn ich weit weglief. Wer nicht auf Kommando pinkeln konnte, war übel dran, denn es gab später am Tag niemanden, der ihn zum Plumpsklo begleitet hätte. Das Einhalten tat dann weh, und wenn es dann doch „passierte“, gab es Schläge. Die Aussicht auf weitere Schläge bedeutete zunehmende Angst, mehr Angst bedeutete im entscheidenden Augenblick zu nehmenden Druck, mehr Druck bedeutete stärkere Blockade, die Blockade bedeutete Einnässen, Einnässen bedeutete Schläge …
Irgendwann, wir waren schon auf dem Rückweg, kamen wir an einem Steinbruch vorbei. Dort begegneten uns zwei Leute mit einem kleinen Hund. Da ich vorher schon wusste, dass dieser Hund mich beißen würde, rannte ich schreiend davon, der Hund bellend und nach mir schnappend hinter mir her. Natürlich war ich zu langsam und wurde fest ins Bein gebissen. Die Besitzer holten den Hund zurück, doch ich hatte furchtbare Angst und zitterte am ganzen Körper. Die Besitzer schienen mit mir zu schimpfen, weil ich weggelaufen war und die Tanten lachten mich aus. Ich war schuldig und wurde verhöhnt. Das tat mehr weh als der Biss. Niemand war da, der mich tröstete, nicht einmal ein Kind durfte mich trösten. So war ich auch noch auf dem Weg zurück ins Heim allein, unendlich allein.
4. Erinnerungen an den Schwarzen Mann
....und die Hexen
Als Kind von vielleicht fünf Jahren lebte ich in einer Welt der Magie, die es zu beherrschen galt. Es war nicht die Magie des Trostes, es war die Magie der Angst. Angst vor Bildern und den Figuren, die diese Bilder bevölkerten. Es war mir oft unmöglich, die mich ängstigenden Gestalten von den realen Bedrohungen auseinanderzuhalten. Weil man meine Ängste nicht ernst nahm, mich sogar noch verspottet, wurden diese Ängste immer schlimmer.
Nicht genug damit, erzählte man uns wieder und wieder von einem schwarzen Mann, der uns Kinder in der Nacht abholen würde, wenn wir nicht brav seien. Da wir regelmäßig und nicht immer berechenbar geprügelt wurden, musste selbstverständlich auch der schwarze Mann nachts, wenn wir schlafend und wehrlos im Bett lagen, jederzeit zuschlagen können. Tatsächlich wummerte es öfter nachts an der Haustür der Baracke. Eine unglaublich lähmende Angst kam dann über mich, ließ mich am ganzen Körper zittern. Ich verkroch mich zusammenrollend in die letzte Ecke meines Bettes und zog die Decke über den Kopf, zitternd und wartend, dass alles vorüber ging. Dass ich diesem schwarzen Mann später im Bett einer Erzieherin begegnen würde, wusste ich da noch nicht.
In der Baracke gab es einen großen Raum mit mehreren Waschbecken und Badewannen. Rückblickend schätze ich, dass wir einmal in der Woche in der Badewanne gewaschen wurden. Es war der Raum, in dem ich eines Tages die Entdeckung machte, dass es zwischen Jungen und Mädchen einen kleinen Unterschied gab – irgendwo da unten zwischen den Beinen. Das Waschen war oft mit viel Stress verbunden. Alles musste schnell gehen und die Tanten sprangen entsprechend grob mit uns um. Ich meine mich erinnern zu können, dass eine Tante uns badete und eine andere uns abtrocknete. Schlimm musste es für denjenigen sein, der zuletzt an der Reihe war. Denn der Strudel, der beim Ablassen des Wassers entstand, war sehr gefährlich, so wurden wir immer wieder gewarnt. Unbeschreiblich froh war ich, wenn ich rechtzeitig aus dem Wasser herausgelassen wurde, bevor mich der Sog durch das Abflussloch spülen konnte. Bis zum Schluss hatte ich großes Glück, dass ich der Wasserhexe entkommen war, die regelmäßig böse Kinder durch das Rohr in die Tiefe zog.
Einmal kam mir ein Junge vom Waschraum entgegengelaufen. Er war ganz blau am Körper und zitterte ganz furchtbar. Das Gesicht war weiß, aber auch die Lippen waren blau. Der Junge rannte an mir ohne mich anzuschauen vorbei ins Schlafzimmer und ich stand dann im Waschraum. Diesen Jungen hatte die Hexe gepackt und die Tanten konnten ihn gerade noch einmal retten. Der hatte noch mal Glück gehabt.
5. Erinnerungen an Essensgenüsse
Ja, die Eisdeckel waren Genüsse. Es war ein Hineintasten in eine andere Welt, die wir Kinder nur erahnen konnten. Mit dem Ablecken dieser Deckel schlüpfte ich in diese neue Welt – dem alltäglichen Leiden für eine Weile entronnen. Der Geschmack war klebrig, süß, staubig. Die Zähne hinterließen Streifen. Mit der Zunge fuhr ich die Streifen entlang und ertastete die Grenze zu der klebrigen Masse, ging dann schnell wieder zurück, um mir Zeit zu lassen. Leider blieb zum Schluss nur der Geschmack von Pappe, die ich manchmal auflutschte und kaute, bis auch wirklich nichts mehr vom Deckel übrig blieb.
Irgendeiner meiner Leidensgenossen zeigte mir einmal eine leere Schuhcremedose – und was man damit machen konnte. Eigentlich war es ganz einfach. Man musste nur die Dose in der Hosentasche verstecken und sich in den Waschraum schleichen. Natürlich durfte man sich hierbei nicht erwischen lassen, sonst gab es – erraten – Schläge. Jetzt hieß es Wasser in die Dose füllen und mit dem Deckel wieder fest verschließen, dann einen sicheren Platz aufsuchen, die Dose vorsichtig öffnen und das Wasser trinken, natürlich ganz langsam, denn viel war ja nicht drin. Oh, wie das schmeckte, wenn man daraus trank. Noch heute habe ich den Geschmack auf meiner Zunge und fühle den Stolz in mir über das Gelingen. Heimlich musste eine komplexe Handlungsabfolge ausgeführt werden: eine leere Dose ergattern, unbeobachtet den Waschraum erreichen, das Wasser einfüllen und den Ort und die Zeit zum Trinken finden. Wichtig war das Versteck für die Dose, das ich auch heute noch nicht verraten möchte.
Irgendwann kam ein Mann mit einem Karton. Ich glaube, er kam mehrmals. Wenn wir ihn auf einem Moped ankommen sahen, liefen wir alle sofort auf ihn zu. Er stand am anderen Ende der Wiese, also entgegengesetzt zu unserer Baracke an den drei Birken am Zaun. Über den Zaun reichte er uns aus einem Karton Süßigkeiten: lange Lutscher in verschiedenen Farben (grün und rot), Waffeln mit klebrig rosa und weißer Füllung. Was dieser fremde Mann uns schenkte, war wie ein Wunder und ließ selbst die Eisdeckel verblassen. Was aber das eigentlich Besondere an diesem Geschenk war: wir durften essen, ohne uns vor ihm verstecken zu müssen. Nie wieder war ich so entrückt wie bei diesen Gaumenfreuden von pappigen Eisdeckeln, zweckentfremdeten Schuhcremedosen und klebrigen Waffeln.
6. Erinnerungen an Ostern und Weihnachten
Ostersonntag. Es war ein besonderer Tag. Das konnte ich gleich mit dem Aufstehen spüren. Beim Frühstücken wurden Sachen erzählt, die mit dem besonderen Tag zusammenhingen. Ich verstand nur eines. Es drehte sich irgendwie um Süßigkeiten, die draußen versteckt sein sollten. Wir versammelten uns hinter der grünen Haustüre im Flur unserer Baracke. Mir war klar, dass wir gleich alle rausstürmen würden, um möglichst viele Süßigkeiten zu ergattern. Die Spannung wuchs von Sekunde zu Sekunde. Ich überlegte mir, wo die Tanten die Süßigkeiten versteckt haben könnten, hielt so für mich Punkt für Punkt fest. Dann überlegte ich mir, wie ich diese mir vorgestellten Punkte am schnellsten erreichen könnte und arbeitete für mich eine Route aus, die ich auf keinen Fall verlassen wollte. Noch immer durften wir nicht hinaus. Ich schaute mir die Wände im Flur an, die irgendwie glänzten. Die Farben waren über eine kleine Holzleiste voneinander abgetrennt, die vielleicht so dick wie mein Daumen und oben abgerundet war. Auch sie war grün gestrichen. Als die Tür endlich geöffnet wurde, rannte ich los, so schnell ich konnte. Hinter und neben mir stoben die anderen Kinder hinaus. Ich rannte exakt die einzelnen Stationen ab, die ich mir vorgenommen hatte – und tatsächlich konnte ich unglaublich viel Süßigkeiten einsammeln. Meine Güte, was war ich stolz auf meinen perfekten Plan. So viele Süßigkeiten hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie gehabt und würde ich vermutlich auch nie wieder bekommen.
Viel zu schnell war alles vorbei. Es gab nichts mehr zu suchen. So manch einer von uns ging leer aus oder hatte nicht soviel ergattert, wie er dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden nach hätte bekommen müssen. Wir fingen an zu tauschen: Ostereier gegen nichts. Ich wusste nicht, ob ich bei solch einem Tausch mitmachen wollte. Am Anfang war ich noch stolz als Kleiner etwas zu haben, was die Großen nicht hatten. Es war toll, etwas geben zu können, was mir gehörte, was ich mit meiner eigenen Gedankenarbeit erreicht hatte. Bald merkte ich aber, dass nicht mehr ich die Süßigkeiten gab, sondern die anderen immer mehr Forderungen an mich stellten, die ich eigentlich gar nicht mehr erfüllen wollte. Es dauerte nicht lange, bis ich alles weggetauscht hatte. Dennoch hatte ich Glück. Einer von den Großen gab mir ein kleines Ei aus Zucker, eines von vielen bunten Zuckereiern aus einer Tüte, die mir vor ein paar Minuten noch selbst gehört hatte. Dieses Ei lutschte ich ganz langsam auf. Noch lange habe ich mir diesen schönen Moment immer wieder in Erinnerung gerufen, wenn es mir dreckig ging.
Monate später, vermutlich im selben Jahr 1962 wuchs die Spannung unter uns Kindern erneut, denn es sollte wieder etwas Besonderes passieren. Mit großen Autos sollten wir fahren. Solche Autos blieben manchmal oben an der Straße stehen. Sie hatten riesige Schnauzen und waren unendlich hoch – Lastwagen, in denen viele Menschen sitzen konnten. Auf so einen Laster sollten wir alle warten.
Wir standen an der Straße. Es war bitter kalt. Die Füße taten weh, so weh wie schon lange nicht mehr. Die Schuhe drückten. Ich versuchte, die Zehen zusammenzuziehen, damit der Schmerz nachließ, aber irgendwie war da kein Platz mehr. Endlich kamen drei braune Laster mit den großen Scheiben, gleich mehrere hintereinander. Wir stiegen ein, und ich saß das erste Mal in meinem Leben in einem Bus. Es roch nach Diesel, Öl und Plastik. Er war warm und allein das war schon ein großartiges Gefühl. Wir sollten Weihnachten feiern. Wir fuhren durch Straßen mit einem unendlichen Lichterglanz. War das alles so aufregend! Die Fenster mussten immer wieder gewischt werden, weil sie beschlugen. Sie fühlten sich kalt und nass an, während mir langsam der Schweiß ausbrach. Wenn ich mich mit dem Kopf an den Vordersitz lehnte, gingen die Vibrationen am Besten auf meinen Körper über, dummerweise war dann aber nichts mehr zu sehen. Kaum waren meine Füße richtig warm geworden, blieben wir vor einer riesigen Halle stehen. Überall standen da jetzt diese braunen Autos, die ich schon vom Heim her kannte. Wir stellten uns vor den Bussen in Zweierreihen auf und betraten so die große Halle, die voller Menschen war. So viele Leute auf einmal hatte ich noch nie gesehen. Wir bekamen einen Platz vorne an der Bühne zugewiesen. Auf der linken Seite stand ein riesiger Tannenbaum. Der glänzte und war voller Kerzen und hatte viele kleine Pakete, die in buntes Papier eingewickelt waren. Es erklang Musik, Musik von glänzenden Instrumenten. Es war eine Feierlichkeit und eine Festlichkeit, wie sie für mich bis dahin unvorstellbar gewesen ist. Ein Mann mit rotem Mantel und weißem Bart erschien und brachte Geschenke in einem Sack mit. Das also war der Weihnachtsmann. Er war extra vom Himmel gekommen, um uns Kinder hier zu beschenken. Ein Wunder, extra für uns. Der Himmel war auf die Erde gekommen. Und dann durften wir auf die Bühne. Einer nach dem anderen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis auch ich auf die Bühne durfte. Ich wurde geführt und durfte ganz dicht an den Weihnachtsbaum herantreten. Da sah ich, dass die kleinen Päckchen an roten breiten Bändern hingen. Jemand nahm meine Hand und ich durfte mit einer Schere in der Hand eines dieser Bänder durchschneiden. Plötzlich war ich ganz alleine vor diesem Baum, alleine in diesem Raum, es gab nur die Schere und das rote Band. Nichts war mehr zu hören – eine unerträgliche Spannung legte sich auf mich. Endlich näherte sich die Schere dem Band, und öffnete sich wie von einer Zauberhand geführt, so dass das Band zwischen die beiden Klingen kam. Dann schlossen sie sich unter dem Druck meiner Hände (und der des fast vergessenen Anderen) und mit einem leisen, wunderbaren Geräusch durchschnitten sie das Band, das die Seligkeit am Baume festhielt. Dieses Geräusch werde ich nie vergessen. Ich glaube, dass die Weihnachtsfeste später in meiner Familie nie mehr so schön wurden und vielleicht habe ich die Frau, die meine Mutter wurde, damit enttäuscht, dass ich mich nicht so freute, wie ich mich hätte freuen sollen.
Nach diesem Zipp der Schere setzte auch schon gleich wieder die Musik ein und spielte: „Oh du fröhliche, oh du selige, …….“. So musste es im Himmel sein. Alles war unwirklich und diese Musik trug mich weit fort in eine Welt des größten Glücks und der höchsten Seligkeit.
Auf der Rückfahrt im Bus war ich noch ganz beseelt von diesem großartigen Erlebnis. Die Scheiben waren schon wieder beschlagen und wir waren bereits ein gutes Stück weit gefahren, als ich auf einmal wieder den Weihnachtsmann sah. Ich traute erst meinen Augen nicht. Meine Güte, musste der schnell unterwegs sein, noch schneller als dieser Bus. Ja, es war alles ein himmlisches Erlebnis.
Die uns diesen himmlischen Abend beschert hatten, waren Soldaten. Waren es die gleichen, die mich gemeinsam mit den Erzieherinnen missbrauchten?
7. Erinnerungen an das Essen
Das Essen musste aus der Zentralküche geholt werden. Ich war fünf Jahre alt und musste schon die schweren Töpfe aus der vielleicht 300 Meter entfernten Küche in unsere Baracke tragen. Natürlich war ich zu schwach. Zuerst ging es ja noch, aber bald wurde jeder Schritt zur unerträglichen Qual. Ich glaube, auch die Schmerzen des Tragens noch heute zu fühlen. Im Winter kam die Kälte dazu, und wenn ein kalter Pudding getragen werden musste, waren die Hände schnell eisig. Den Topf durfte ich unterwegs nicht abstellen, er musste in einem durchgetragen werden. Weil ich das unmöglich schaffen konnte, waren Schläge für mich vorprogrammiert. Einmal wollte ich die Schläge um jeden Preis vermeiden und riss mich bis zum Ende meiner Kräfte zusammen. Die Finger schmerzten. Der Topf rutschte mir unerträglich langsam aus meinen Händen und der Inhalt ergoss sich über den Topfrand. Zur Strafe wurde ich noch vor dem Essen ins Plumpsklo gehalten - mit dem Kopf nach unten. Immer wieder ließ man mich los, so dass ich Angst hatte, ganz hinunter zu fallen. Zu Essen gab es anschließend natürlich nichts. Überhaupt war das Hineinhalten in das Plumpsklo eine beliebte Strafe für schwere Vergehen. Gegen welche Regel ich verstoßen haben sollte, war mir niemals klar.
Wir bekamen Wurst- und Schmalzbrot, das ich trotz meines Hungers oft nicht essen konnte. Ganz schlimme Erinnerungen habe ich noch heute an gekochten Wirsing, der mir völlig versalzen schmeckte. Hier habe ich – leider noch viel zu lebendig - in Erinnerung, wie ich immer wieder gezwungen wurde, den Teller leer zu essen. Ich schaffte dies aber bei meinem ganzen Kraftaufwand nicht. Da ich wusste, was mich erwartete (dies allein war schon Kloß genug im Hals) versuchte ich all meine Kraft aufzubringen, mich zu überwinden. Dies konnte nur dazu führen, dass ich erbrach. Mein Gesicht wurde in den Teller gedrückt. Der Atem ging flach und schnell und musste im Teller angehalten werden, was mir nicht immer gelang. So kam der Wirsing auch noch in die Nase, dass diese brannte. Ich wurde gezwungen, den Wirsing mit dem Erbrochenem aufzuessen. Aufstehen durfte ich erst, als alles aufgegessen war. So saß ich am Tisch vor dem Teller, manchmal mit einem Leidensgenossen irgendwo an einem anderen Tisch. Die anderen Kinder rannten lärmend hinaus. Der Kampf gegen das Essen und das Erbrochene begann. Es war klar, dass er hierbei kein Entrinnen gab. Ein Aufstehen gab es erst, wenn der Teller sauber war, richtig sauber – sauberer als sonst.
8. Erinnerungen an Durst und Hunger
Schlimmer als die Erinnerungen ans Essen und Erbrechen sind aber die Erinnerungen an Durst und Hunger. Warum ich Durst und Hunger litt, weiß ich nicht mehr. Ich litt und leide, wenn ich daran denke, noch heute darunter.
Der Durst entwickelte sich langsam, der Hunger kam oft plötzlich und übermächtig. Der Hals wurde trocken und begann beim Schlucken weh zu tun. Der Mund und der Rachen bekamen ein pelziges Gefühl. Die Zunge wurde wie Schmirgelpapier, die am Gaumen hängen blieb. Ich musste schlucken und konnte doch nicht. Dieser Zustand, schlucken zu müssen und das Schlucken gleichzeitig vermeiden zu wollen, wurde zur Qual. Ich kann mich daran erinnern, dass ich nachts aus dem Bett geklettert bin, um an den Nachttopf zu gelangen. In meiner Not trank ich Urin, der zwar gut roch, aber ekelhaft schmeckte.
Ich entwickelte Wege, den Hunger zu beschwichtigen - was leider nicht immer gelang. So sammelte ich Speichel und suchte nach Verdickungen in der Flüssigkeit. Irgendwann wurde das Ganze langsam heruntergeschluckt, der Mund war wieder leer. Ich lutschte das Metall am Bett und schmeckte den Unterschied zwischen blankem Metall und Farbe. Ich hatte kleine Holzstückchen gesammelt und kaute heimlich darauf herum, was mir ein Gefühl von Sättigung gab. Ich nahm unbeobachtet Brotrinde zur Seite. Wenn der Hunger kam, fütterte ich mich mit kleinen Stücken, die ich vorher schon von der Rinde abgebrochen hatte. Sie war völlig trocken und das war gut so. Sie musste im Mund aufgeweicht werden, der Geschmack wandelte sich mit dem Verhältnis, in dem sich Speichel und Brotteig vermischten und nochmals mit der Zeit – irgendwann, bevor der Brechreiz kam, schluckte ich den Brei dann hinunter. Ich hatte damit ein Stück Rinde weniger in der Tasche, aber nicht wirklich spürbar ein Stück mehr Sattheit im Bauch - und das war schlimm. Und dennoch war es eine Beschäftigung, die im Vorgang des Kauens etwas vom Hunger abzulenken vermochte. Ich verfolgte beim Schlucken den Krümel, wie er sich durch die Speiseröhre in den Magen bewegte, alles war hoch angespannt. Wenn die Kruste alle war, und ich keine Holzstückchen zum Kauen hatte, knabberte ich von meinem Daumenballen den salzigen Belag ab. Dieses unglaublich tiefsitzende Hungergefühl wiederholte sich immer wieder – warum man uns Hunger leiden ließ, ich weiß es nicht. Um etwas zu essen und zu trinken zu bitten, wagte ich nicht – ich hätte auch nur Schläge bekommen.
Ich wurde im Bett gefesselt, mit Lederriemen an Händen und Füßen und bekam einfach nichts zu essen und zu trinken. Dies war auf jeden Fall länger als ein Tag, eine Nacht, noch einen Tag und noch eine Nacht. Warum?
9. Erinnerungen an Schläge
Die meisten Schläge waren unberechenbar und doch wieder berechenbar. Unberechenbar war, dass ich nicht wusste, wofür ich sie bekam, berechenbar wurde der Schmerz. Immer wieder passierte es, dass wir zur Baracke reingerufen wurden. Wir mussten uns in Zweierreihen aufstellen und konnten abzählen, wann wir an der Reihe waren - ein unerbittliches, unausweichliches Vorrücken! Wir wurden nie mit der Hand geschlagen sondern immer nur mit Gegenständen. Gut auszuhalten waren Schuhe, weniger gut waren Teppichklopfer, richtig weh tat der Handfeger und ein beißender Schmerz war die Peitsche, die an der Spitze etwas Dickes hatte. Der Lederriemen war dann schon wieder besser auszuhalten, wenn er nicht fest zurückgezogen wurde, während er sich um einen wickelte. Wer weinte, bekam noch was drauf. Winseln wurde geduldet. Die Schläge waren einfach nur brutal, immer wieder und immer wieder. Dabei wurde von den Tanten beim Schlagen kurz gerufen. Die Schläge wurden aufgezählt. Natürlich mussten wir die Hose vorher runterziehen, damit es richtig weh tat. Um uns auch auf den Rücken schlagen zu können, mussten wir uns nach vorne beugen.
Auf meinem Hintern wurde ein Handfeger aus Holz entzweigeschlagen. In diesem Moment wusste ich, jetzt wird es richtig schlimm. Alles war mucksmäuschenstill und wartete, was passieren würde. Ich kam vom Knie der Erzieherin runter und musste vornüber auf dem Stuhl kniend Platz nehmen. Die Erzieherin holte die große Peitsche und schlug auf mich ein. Mit mir gemeinsam wurde der Rest der Kinder, die noch nicht dran gekommen waren, durchgepeitscht. Ich fühlte mich schuldig an ihnen, weil gerade mir das mit dem Feger passiert war.
Schläge und Peitschenhiebe waren nicht die einzige Misshandlung, ich wurde auch getreten. Mir kam das besonders brutal vor, weil es nicht aufhörte und sich immer mehr steigerte. Ich lag auf dem Boden und versuchte mich zu schützen, was mir nicht gelang. Die Tritte waren überall gleichzeitig. Rollte ich mich zusammen, traf es die Nieren, versuchte ich mich wegzudrehen, wurde mir mit voller Wucht in den Bauch getreten, dass mir die Luft wegblieb. Die Schmerzen danach hielten sehr lange an. Ein stechender Schmerz in den Rippen blieb mir weit über die Heimzeit hinaus erhalten, er kam, wenn ich abends im Bett lag. Der Schmerz konnte so zunehmen, dass ich meinen ganzen Willen zusammennehmen musste, um gegen ihn weiter zu atmen. Hier half eine ganz flache Atmung, die aber unglaublich anstrengte. Es war ein Schmerz, der eine unglaubliche Angst bei mir auslöste, weil ich immer auf den Höhepunkt wartete. Wenn ich die unteren Rippenbögen ergriff und sie nach außen zog, verschaffte mir das kurzfristige Erleichterung.
Diese Gewaltorgien, bei den sich die Peinigerinnen regelrecht bis zur Erschöpfung verausgabten waren mir Kämpfe, auf die ich mich dann vorbereiten konnte, wenn wir in Reih und Glied standen, bis ich jeweils dran kam. Ich wollte nicht weinen, auch nicht wimmern, und wenn ich das geschafft hatte, hatte ich gewonnen und nicht die Erzieherinnen. Es war ein grausamer und ungleicher Kampf, bei dem ich auch mehrfach ohnmächtig wurde. Ich wachte dann irgendwann im Bett auf und wusste nicht, wie ich liegen oder mich bewegen sollte.
Noch schlimmer als Schläge, Peitschenhiebe und Tritte war der Spießrutenlauf. Wir standen uns gegenüber und hatten Ruten in der Hand. Durch den Tunnel mussten ein Kind oder mehrere laufen. Manchmal musste das Kind sich ausziehen. Wir mussten heftig draufschlagen. Wer nicht heftig genug schlug, musste selber durch den Tunnel. Es war eine der schlimmsten Strafen. Gedemütigt wurden alle, die, die sich von den Freunden schlagen lassen mussten und die, die zum Schlagen ihrer Freunde gezwungen wurden. Anschließend lag eine dröhnende Stille – ich kann es nicht anders beschreiben - über dem Raum, unterbrochen vom Gewinsel des ein oder anderen Kindes. Gott sei Dank wurde diese Art der Misshandlung nicht häufig gemacht, es war den Tätern vermutlich zu kompliziert.
Das dröhnende Gefühl bei gleichzeitig unheimlicher Stille hatte ich oft. Es war die Stimmung die ich aufnahm. Es war wieder so weit. Das Gewitter braute sich zusammen und die Entladung stand unmittelbar bevor – wie der Donnerschlag nach einem Blitz. Die Zeit, die man hatte, um sich auf die Schläge vorzubereiten, war bestimmt von der Position in der Reihe, die man innehatte.
Dieses Anstellen geschah immer und immer wieder. Es war der Terror, man wusste nie genau, wann es kam, nur dass es kam Zum Beispiel mitten im Spiel in der Sonne. Ich weiß heute nicht mehr, ob ein Pfiff oder ein Ruf uns das Kommando gab, in die Baracke zu laufen. Ich weiß nur noch, wie die Angst die Kehle zuschnürte, wenn wir ohne Vorwarnung aus dem Spiel heraus in die Hölle gerissen wurden. Bevor ich dran kam, stellte ich mir immer vor, wie der Schmerz sich entwickeln und wie schnell er zu- mindest wieder soweit nachlassen würde, dass ich ihn aushalten konnte. Er konnte nicht ewig anhalten, daran klammerte ich mich. Das half - meistens. Ich weiß aber auch, wie ich bei solchen Gewaltakten immer Angst vor dem Tod hatte. Gleichzeitig sagte ich mir: „Dich töten sie nicht!“ Dies wurde mir zur Gewissheit und gab mir die Kraft zum Durchhalten. Warum ich so dachte, weiß ich bis heute nicht – mir kommen die Tränen, während ich das niederschreibe.
Mit einem Freund nahm ich die Wippe vom Boden. Gemeinsam schafften wir es mit all unserer Kraft, sie in die Verankerung zu heben. Aber die Zapfen wollten nicht in die Löcher rutschen. Als ich versuchte, die Zapfen in die Löcher zu ruckeln, klemmte ich mir den Daumen ein. Die Haut hing in Fetzen vom Daumen herab, ich blutete stark. In meiner Panik laut schreiend lief ich zur Tante. Als Hilfe sollte ich eine schallende Ohrfeige bekommen. Ich drehte meinen Kopf schnell zur Seite, der Schlag landete auf meiner Nase. Darüber vergaß ich sogar den Schmerz im Daumen. Ich fühlte mich so verraten, hatte doch etwas Gutes tun wollen und kämpfte jetzt nur noch darum, die Besinnung zu behalten.
Unsere Körper waren gezeichnet. Wir hatten alle Farben, von fast Schwarz, über grün, blau, gelb und rot. Überall. Neben den Flecken hatten wir offene Wunden von den Schlägen. An eine Wundversorgung kann ich mich nicht erinnern, erst in den letzten Wochen oder Monaten meines Heimaufenthaltes. Wunden nässten und eiterten, den Geruch habe ich heute noch in der Nase. Ab und zu kam ein Mann, vor dem wir uns ausziehen und in Reih und Glied aufstellen mussten. Geholfen hat der uns nicht.
10. Erinnerungen an das Unheimliche
Irgendwann zeigte ich auf die Brust der Tante und wollte wissen, was sie da hatte, was ich nicht hatte. Ich verstand ihre Erklärung so, dass sie dort eine Milchflasche trug. Kurze Zeit später an diesem Tag durfte ich zum ersten Mal in das Erwachsenenzimmer. Es war ein Tabubruch. Nie zuvor war ich in diesem Zimmer gewesen. Es war, als beträte ich ein Heiligtum. Und dann war da die Maus. Erst glaubte ich doch tatsächlich, dass sie echt sei, bemerkte aber rechtzeitig, dass es nur ein Spielzeug war. Man gab mir einen Schlüssel, mit dem ich die Maus aufziehen konnte, und das Wunder begann. Mit einem klickenden schnellen Geräusch surrte die Maus umher. Ich begann alles Mögliche auszuprobieren und das Wunder zu genießen. Natürlich freute ich mich auf den Tag, als ich wieder mit der Maus spielen durfte. An diesem Ort der Entbehrungen, Erniedrigungen und Misshandlungen war dieses Spiel mit der Maus ein weiterer Fluchtpunkt, so etwas wie das Paradies auf Erden. Ich war hier sicher und das tat so gut.
In einer Nacht nicht lange danach kam die Tante auf mich zu und ich durfte in ihrem Bett schlafen. Ich war auserwählt und unglaublich stolz auf diese Bevorzugung. Es war warm und ich durfte mich dicht an sie kuscheln. Ich hatte nie so ein Gefühl von Liebe und Geborgenheit erfahren. Wie viele Nächte ich in diesem Glück verbrachte weiß ich nicht mehr. Für mich völlig unverständlich war, dass ich tagsüber wie immer behandelt wurde. Ja, ich glaubte, es sei noch schlimmer geworden.
Dann klopfte es in einer Nacht ans Fenster und wummerte an der Tür, die von der Tante geöffnet wurde. Herein kam der schwarze Mann. Es war unheimlich. Ich verstand nicht, was da getuschelt wurde. Ich machte mich ganz klein und drückte mich an das Fußende des Bettes, als der Mann und die Tante sich ins Bett legten. Sofort spürte ich, dass ich hier nichts zu suchen hatte. Die hatten mich wohl vergessen. Da ich mich nicht sofort bemerkbar gemacht hatte, war es wohl zum Aufstehen und Weggehen zu spät. Ich verhielt mich ganz ruhig. Die beiden kämpften miteinander. Irgendwann ging der Mann wieder. Ich atmete auf. In dieser Nacht gab es kein Kuscheln mehr.
In einer der nächsten Nächte durfte ich wieder kommen. Ich hoffte auf Nähe und Zärtlichkeit und wurde auch nicht enttäuscht. Dennoch war irgendetwas anders, aus den Zärtlichkeiten und Geborgenheiten wurde etwas, was mir zunehmend Angst machte und mich zu verwirren begann. Mein Kopf wurde gepackt …… (weiter möchte ich hier nicht berichten).
Seit jener Nacht wurde ich immer wieder missbraucht, von Männern und der Erzieherin …………..
Es hat lange gebraucht, bis ich verstand, was damals mit mir gemacht wurde. So erwuchs selbst aus Zärtlichkeit lähmende Angst, eine Zärtlichkeit, die ein Fluchtpunkt, eine kleine rettende Insel hätte sein können, wo ich vor dem Terror geschützt wäre. Es gab danach keine Insel mehr, die mir von den Erziehern aufgezeigt worden ist.
11. Erinnerungen an Fesseln und Knebel
Meist wurde ich im Bett gefesselt. Dies geschah mit Hilfe von Lederriemen, mit deren Hilfe die Gelenke von Füßen und Händen an die Metallgitter gebunden wurde. Es war oft eine lange Zeit, so lange, dass die Blase schmerzte und ich irgendwann ins Bett machte. So lange, dass ich meinen Stuhl nicht halten konnte. Ich lag in meinen Exkrementen und das war schlimm. Ich bin mir heute sicher, dass diese Fesseln teilweise über mehrere Tage angelegt worden waren. Verbunden waren diese Fesselorgien mit Essens- und Trinkentzug. Manchmal bekam ich etwas zugesteckt. Ich meine mich auch erinnern zu können, dass dies durch Erzieher heimlich geschah, bin mir da aber nicht mehr sicher.
Einmal wurde ….. (weiter möchte ich hier nicht berichten).
Lautes Weinen oder gar Schreien war verboten. Heute vermute ich, dass wir geknebelt wurden, um genau das zu verhindern. Da ich oft erkältet war oder Angina hatte, bekam ich durch die Nase nicht ausreichend Luft. Ich hatte panische Angst zu ersticken.
Diese Nöte und Ängste um unsere Existenz waren bewusst herbeigeführt. Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, dass diese Fesselungen oder Knebelungen wirklich in einem Zusammenhang zu irgendwelchen „Untaten“ unsererseits standen, wenn man nicht etwa zu lautes Wimmen diesem Begriff unterordnen möchte. Das Schlimme damals in der Situation als hilfeloses Opfer und heute beim Zurückdenken ist das unkalkulierbare Zuschlagen des Terrors, der uns immer wieder in Existenzängste stürzte und selbst das wenige Schöne, das uns in diesem Heim widerfuhr, als Vorstufe zur Qual denunzierte.
Gerade wenn ich an die Fesselorgien denke und an die damit verbundenen Demütigungen, wird mir eines zunehmend klar. Es war nicht Überforderung, die die sogenannten Erzieher in der geschilderten Weise an uns handeln ließ, um sich etwa gegen aufmüpfige, außer Rand und Band geratene Kinder durchzusetzen. Es war vielmehr ein bewusstes Ausleben perverser menschenverachtender Begierden, dem keine Kontrolle Einhalt geboten hätte.
12. Begegnungen mit dem Tod
Wir spielten draußen auf der Wiese vor der Baracke. Gemeinsam mit einem anderen Jungen war mir es nach vielen fehlgeschlagenen Versuchen und lang strapazierter Geduld endlich gelungen, eine Maus zu fangen. Was waren wir stolz! Unser Fang wurde von vielen anderen Kindern bewundert. Irgendwann nahm der Junge die Maus beim Schwanz und schleuderte sie über den Zaun Richtung Wald. Sofort wollte ich hinterher springen, weil die Maus doch so putzig war. Ich war noch nicht über den Zaun geklettert, als ich von einer Erzieherin gepackt und zurückgerissen wurde. Noch draußen auf der Wiese wurde ich zusammengeschlagen. Es sollten alle sehen, was mit dem passiert, der über den Zaun klettern will. Gleichzeitig aber spürte ich in diesem Gewaltausbruch noch etwas anderes, so als wolle man um jeden Preis verhindern, dass ich etwas fand, was jenseits des Zaunes lag. Ich nannte es bei mir „das was Angst macht“.
Eines Tages wurde ich aus der Baracke herausgezerrt, über die Wiese Richtung Plumpsklo. Ich hatte wohl etwas gesagt, was ich nicht hätte sagen dürfen. Immer wieder versuchte ich mich daran zu erinnern, was es war. Es war eiskalt. Ich sollte wohl wieder ins Plumpsklo gehalten werden. Es war immer furchtbar, weil ich Angst hatte, da hineinzufallen. Dieses eine Mal war es jedoch so schlimm, wie es nie wieder werden sollte. Man fesselte mich an den Beinen mit einem Seil und hielt mich wie immer mit dem Kopf zuerst ins Klo. Dann aber wurde ich runtergelassen. Es half kein Strampeln und kein Schreien. Gleich spürte ich, dass es diesmal ganz anders werden würde. Es gab kein halten. Endlich tauchte ich mit dem Kopf ein. Für mich begann ein fürchterlicher Kampf, sollte das das Ende sein? Wie ich wieder hoch kam, weiß ich nicht mehr. Mein Mund war mit Exkrementen verstopft. Ich habe nie wieder so etwas Schlimmes erlebt. Aber auch das habe ich überlebt. Lange kam ich aus dem Zittern nicht mehr heraus. Ich fror und wurde eingepackt. Ich lag im Bett und konnte lange überhaupt nicht mehr sprechen – kein Wort. Ich wollte, aber es ging nicht mehr. Irgendwann musste ich aufstehen. Es ging nicht. Ich war zu schwach. Ich sah Nebel im Zimmer, der so dicht wurde, dass ich die Wand nicht mehr sehen konnte und dann kamen Kühe, die ihre Köpfe in die Fenster hielten – in alle Fenster. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr, fühlte ich mich elend und schwach, dann war auch das vorbei.
Der Tod war für mich in Holzen immer wieder zu spüren aber nicht zu greifen. Immer wieder kommen mir Bilder hoch:
Ich sehe einen leblosen Körper in Stoff gehüllt. Es sieht aus wie ein dünner Sack, keine Wolle, eher Leinen, vielleicht Betttücher. Die Farbe war hell. Dieser Sack wurde von zwei Personen getragen, ich weiß nicht mehr, ob es Frauen oder Männer waren. Das Bild wäre womöglich schon längst aus meiner Erinnerung verschwunden, wenn dieser Sack nicht über ein Loch gehalten worden wäre und für mich völlig überraschend und mich tief erschreckend nach vorne einfach abgeknickt wäre. Dieses Bild taucht immer wieder auf und wurde von mir lange als beginnender Wahnsinn abgewehrt.
Viel später taucht beim Duschen unvermittelt ein Bild auf, in dem ich an einer Kirche stehe und der Körper in ein Loch fällt. Ich erschrecke darüber sehr und erinnere mich schlagartig in diesem Zusammenhang, dass ich bis in meine Jugendzeit hinein immer wieder von einer Kirche geträumt habe, die in Weisenau bei Mainz steht. Immer wenn ich von dieser Kirche träumte, war es ein Alptraum. Ich hatte viele Alpträume, aber dieser nahm mich am meisten mit. Begleitet wurde dieser Alptraum mit einer Musik, die eine Tonleiter war, wobei der Ausgangston trotz der Abwärtsstufen immer wieder der Ausgangston war – eine Musik die mich wahnsinnig machte.
Das Bild von dem Sack ist immer noch da, völlig zusammenhanglos, keine Tageszeit, keine Jahreszeit, keine Wärme, keine Kälte, nur der Körper, der plötzlich – und völlig unerwartet - abknickt. Dieses Bild prallte an die Oberfläche meines Bewusstseins als ich als Jugendlicher in Dachau Bilder sah, wie Berge von nackten Leichen von einem Räumer in ein Massengrab geschoben wurden. Seit dem verfolgt mich das Kind im Sack. Ich habe darüber das erste Mal gesprochen, als ich 40 Jahre alt war. Es war ein Mensch – ihm würde ich gerne die Würde wiedergeben.
13. Erinnerungen an Flucht
Das Leben in Holzen war nicht auszuhalten, und die Flucht in meine eigene Welt reichte irgendwann zu meinem Schutz nicht mehr aus. Zu häufig und zu schmerzhaft wurde ich immer wieder da herausgeholt. Irgendwann formte sich die Idee einfach abzuhauen, wobei ich diese Idee aus Angst aber sofort wieder verwarf. Wo sollte ich denn hin? Tatsächlich kannte keinen Menschen außerhalb dieses Heimes. Dennoch: die Idee war nun einmal geboren, hatte sich bei mir eingegraben und ließ sich nicht mehr wegdenken. Mit der Zeit wurde sie fester und konkreter. Ich verstand, was ich zu tun hatte. Ich musste einfach loslaufen, wenn keiner hinschaute. Den kleinen Hang zur Straße hoch und dann Richtung Dorf. Eines Tages wollte ich meinen Plan in die Tat umsetzen. Ich versicherte mich, dass keine Erzieherin draußen war und uns beim spielen beobachtete. Dann rannte ich los, sprang über den Zaun und war weg. Ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit! Als ich Richtung Dorf lief, sah ich ein Kanalrohr, in das ich ganz toll reinkrabbeln konnte. Ich war in Sicherheit! Hier konnte mir nichts mehr passieren. Hier konnte ich von keinem Menschen der Welt gefunden werden. Irgendwann schlug meine Stimmung um. Zwar hatte ich es geschafft, dem Terror zu entfliehen und mich in Sicherheit zu bringen. Aber was jetzt? Daran hatte ich nicht gedacht. Angst kam auf. Ich saß in der Falle. Weiter konnte ich nicht, ich hätte ja das schützende Rohr verlassen müssen, zurück konnte ich auch nicht, die Schläge würde ich nicht überleben. Ich hatte verloren, kaum dass ich die Freiheit gewonnen hatte. Es wurde dunkel und es wurde kalt. Ein bekanntes Gefühl kam auf: Hunger. Es war alles so ausweglos. Niemand war da, mit dem ich hätte überlegen können, wie es weitergehen kann. Irgendwann bin ich in der Nacht zurückgegangen. Voller Angst, was mich erwarten würde. Ich weiß heute nicht mehr, wie ich empfangen wurde, ich weiß nur noch, dass ich eine Ewigkeit ohne essen und trinken in einem Raum eingesperrt war, einem Raum ohne Fenster. Der Raum muss nicht in der Baracke gewesen sein, sondern könnte auch irgendwo in der Heimverwaltung gelegen gewesen sein. Es war heiß und stickig, und es roch nach Schuhwichse. Unheimlich war, dass ich nicht herausgelassen wurde. Es blieb einfach dunkel. Der Hunger und der Durst wurden einmal mehr zur Qual.
Die Strafe konnte mich von meinem einmal gefassten Entschluss nicht mehr abbringen. Ich musste es nur besser anfangen. Überall auf der Welt war es besser als in diesem Heim. Die Angst vor dem Sterben-Müssen hatte seit dem Attentat im Plumpsklo eine erschreckend realistische Dimension erhalten. Die Sicherheit, die ich wie ein Mantra immer wieder vor mir hergesagt hatte, „Dich töten sie nicht“, hatte mehr als nur Risse bekommen. Hatte ich nicht schon viel zu lange Zeit im Heim gelebt, war ich mir meiner Existenz wirklich noch sicher. All die Prügelorgien hatte ich in der Gewissheit überlebt, das Allerschlimmste passiert mir nicht. Diese Sicherheit war weg, buchstäblich wie der Boden, der einem unter den Füssen weggezogen wird. Als kleines Kind hatte ich so etwas wie eine unerschütterliche Kraft, die immer überlebte, nicht in der Gewalt untergehen wollte. Ich war wohl nahe daran, zu zerbrechen. Die nächste Flucht musste also gelingen.
Ich musste ganz weit weg, soviel war klar, noch viel weiter als zu dem Kanalrohr, noch weiter als die mir bereits bekannten Wiesen und Wälder. Hinaus in eine unbekannte Welt. Das Wichtigste war, genug zum Essen dabei zu haben. Dann konnte einem fast nichts mehr passieren. Also wollte ich Bucheckern sammeln. Es war jedoch wie verhext, ich konnte im Wald keine Bucheckern finden. So blieb nur, mir Brot zur Seite zu sparen, worin ich ja schon Übung besaß. Es musste am Schuppen so versteckt werden, dass es trocknete, sonst wurde es ungenießbar. Schwierig war immer, das Brot vom Teller in der Hosentasche verschwinden zu lassen, da über jedem Tisch die Augen der Erzieherinnen wachten. Als ich zwei Hosentaschen voll hatte, gehörte die Welt mir. Wieder machte ich mich in einem unbeobachteten Augenblick auf den Weg. In meiner Erinnerung war ich dieses Mal wirklich weit gekommen. Ich lief gerade durch einen Hohlweg, als ich einen Lärm hörte, der sich geradewegs auf mich zu bewegte. Vor mir tauchte ein riesiges Ungetüm auf, wie ich es noch nie gesehen hatte. Es war in den Farben der Soldaten angemalt. Da wurde ich auch schon angerufen. Ein Mann sprang vom Ungetüm herunter und ging auf mich zu. Ich stand völlig unbeweglich und voller Angst da. Ich konnte nichts sagen und auch nicht schreien – ich glaube, ich war völlig stumm. Ich bin an diesem Tag noch durch unglaublich viele Hände gegangen und wurde irgendwann von der Polizei ins Heim zurückgebracht. Ich wartete voller Angst auf ein riesiges Donnerwetter, doch dieses Mal geschah nichts – überhaupt nichts, gerade so, als ob meine Flucht nicht stattgefunden hätte. Im Gegenteil, die Misshandlungen wurden allmählich weniger drastisch und seltener. Ich hatte das Gefühl, mich selbst befreit zu haben. Irgendwann kam der Bus, der mich zum Bahnhof brachte.
14. Erinnerungen meines Körpers und der Seele
Vieles habe ich vergessen. Und das ist auch gut so! Doch Gerüche, Geräusche, Stimmungen in der Natur reißen mich immer noch unvermittelt in meine Kindheit zurück. Mein Körper gibt mir nach wie vor viele Signale, die ich zwar immer besser zu deuten verstehe, die aber immer noch oft auch unerklärlich sind.
Als Kind hatte ich immer wieder Déjà-vus. Wenige Male schaffte ich es mit äußerster Kraftanstrengung, mich in die Situation des bereits Erlebten hineinzuversetzen und dann vorauszusehen, was geschehen würde. Was dann auch prompt geschah. Ich denke, dass in meiner Kindheit Sinne geschärft wurden, die die fehlende Sprache zu ersetzen versuchten.
Ich glaube, Höhen manchmal in einer anderen Dimension genießen zu können, da ich auch die Tiefen sah. Dies hat sich im späteren Erwachsenenalter zwar relativiert, ist aber immer noch vorhanden. Auch die Erinnerungen an Glücksgefühle halte ich aufrecht, da diese mich immer auch aufgerichtet haben.
Noch während meiner Studienzeit bin ich bei lauter Musik einfach eingeschlafen und war kaum zu wecken. Überhaupt schlafe ich heute noch sehr fest und höre nichts in meiner Umgebung. Höchstens fange ich heute noch an zu schwitzen, wache schweißgebadet auf und höre dann das, was tatsächlich zu hören ist. Geweckt werde ich also nicht von z.B. einem nicht funktionierenden Rauchmelder sonder vom nassen Körper und nassen Bettlaken.
Lange Zeit konnte ich nicht zum Frisör gehen, weil das Schneiden der Haare Panik auslöste. Beim Zahnarzt wirkten über Jahre kaum Betäubungsspritzen. Sandalen sind an meinen Füßen gerissen, weil ich mich bei der Behandlung so verkrampfte. Das habe ich heute im Griff. Dennoch neige ich auch heute noch zu Panikreaktionen, wenn etwas meinen Kopf „bedroht“.
Überhaupt gelingt es Ärzten nur schwer, mich zu narkotisieren. Die Betäubung will nicht einsetzen, und wenn es dann doch gelingt, komme ich schlecht wieder aus der Betäubung heraus.
Bis ins Jugendlichenalter hatte ich Schmerzen in meinen Rippen, bis sie irgendwann nur noch links zu spüren waren. Meine Eltern schienen ohnmächtig, versuchten zu trösten, wenn ich es gar nicht mehr aushielt und sie rief. Dennoch scheint es mir heute, dass es ihnen bei all der Sorge um mich nicht gelang, mich in meinen Schmerzen ernst zu nehmen. Ich höre noch heute meinen von mir sehr geschätzten Vater reden: „Du mit deinen Hühnerrippchen!“
Immer wieder habe ich in meinem linken Knie nachts Schmerzen, die mich lähmen und die es mir erst einmal unmöglich machen, dieses Bein auch nur einen Millimeter zu bewegen. Ich wecke meine Frau dann nicht, weil sie mir nicht helfen kann. Mit äußerster Kraftanstrengung und Konzentration kämpfe ich gegen diesen unerträglichen Schmerz an, beginne nassgeschwitzt, das Bein millimeterweise zu bewegen. Wenn ich das geschafft habe, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich das ganze Bein wieder bewegen kann. Ich laufe zur Toilette, wende die Bettwäsche und schlafe erschöpft wieder ein. Das letzte Mal passierte es mir bei einem Fortbildungsseminar im Oktober letzten Jahres. Seit dem habe ich Ruhe. Wie lange bloß? Ähnlich verhält es sich mit dem linken Ellenbogen.
Meine Zähne sind abgemahlen, weil sie des Nachts soviel arbeiten. Der Zahnarzt bedauert seine Kunstwerke. Ich schaffe es bis heute nicht, zum Schutz der Zähne etwas in den Mund zu nehmen, da ich sonst nachts Brechreiz bekomme.
Jeden Morgen nehme ich mir vor, nicht so lange zu duschen. Ich schaffe es kaum, vor einer halben Stunde da herauszukommen. Kaltes Wasser weckt in mir tiefe Ängste die ich nur mit großer Kraftanstrengung überwinden kann. Schwimmbäder schaue ich mir nur an, wenn sie sich mir als Jugendstilbäder zeigen.
Jomi
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| | Einziges Bild meiner Heimzeit, auf dem ich abgebildet bin. Dieses Bild bekam ich von einer verständnisvollen Bürgerin Holzens 1988 geschenkt, nachdem ich mich auf dem Bild erkannt hatte. Die Bürgerin sprach damals übrigens noch vom Lager. |
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Beispiele eines frühkindlich emotionalen Deprivationssyndroms
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April 1963:
Weihnachten 1964: Hier wurde ich bereits fünf Monate gefördert durch einen Das Selbstportrait ist auf dem Stand eines wenig | Als ich aus dem Heim geholt wurde, war ich sechs Jahre und ein Monat alt. Meine Adoptiveltern haben mir ein Blatt aufgehoben, auf das ich im Alter von sechs Jahren kurz vor meinem Auszug aus dem Heim wohl nur mit äußerster Anstrengung Zickzacklinien hinkritzeln konnte.
Fünf Monate später konnte ich schon richtig malen (vgl. unten links). Ich erinnere mich noch gut daran, wie mein Vater versuchte, mir Kreise beizubringen, und wie unfassbar ich vor seinem Genie saß, das aus solchen Kreisen einen Osterhasen malen konnte. Bereits Ostern 1964 wurde ich eingeschult und verzweifelte daran, mit dem Griffel auf der Schiefertafel den Buchstaben „e“ in lateinischer Ausgangsschrift hinzubekommen.
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