Dieser Blog behandelt meine mich prägende Heimzeit von 1957 bis 1963, in der ich vielen demütigenden Handlungen und sexuellem Missbrauch ausgesetzt war. Gleichzeitig soll die strukturelle Dimension des Missbrauchs deutlich werden, die weit über die Individualschuld der Pflegerinnen und Fürsorgemädchen hinausgeht. Verantwortlich waren leitende geistliche Personen des Frauenheims, das Landeskirchenamt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Kontrollbehörden usw.
Und es gab es doch ...
... das Kinderheim Rübezahl in Holzen!
Geschichte des Heimes
Das was in den 50er und 60er Jahren im Kinderheim Rübezahl bei Holzen geschah, kann m.E. nur in einer Annäherung der damaligen Geschehnisse verstanden werden, wenn man sich mit der Geschichte dieses Heimes auseinandersetzt. Diese Geschichte ist von Blut getränkt.
Quellen:
1. Kurzer Überblick
Auf dem Weg vom Greitberg nach Holzen lag in unmittelbarer Ortsrandlage ein Internierungslager für gefangene italienische Soldaten. Weiterhin gab es ein Barackenlager für italienische Flüchtlinge. Ganz in der Nähe des späteren Kinderheims stand ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald mit über 2000 Gefangenen, auf dem Greitberg einen Steinwurf vom späteren Heim entfernt ein Zeltlager, in dem KZ-Häftlinge lebten. Die Baracken selber, in denen später das Kinderheim untergebracht war, dienten der Unterbringung von Zuchthäuslern.
Erst in den frühen 50er Jahren wurden die Baracken des ehemaligen Zuchthauses von der Inneren Mission übernommen. Holzen wurde eine Außenstelle des Frauenhauses vor Hildesheim. Die Baracken wurden als Kinderheim Rübezahl von 1955 bis 1972 genutzt. Die offizielle Begründung für die Schließung war die Einsturzgefährdung, die von Stollen ausgehen sollte, die unter dem Heim verliefen.
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Holzen liegt am Ith. Es ist ein kleines Dorf in der Nähe von Eschershausen mit etwas unter 700 Einwohnern. Hier war vor dem 2. Weltkrieg bereits Asphalt abgebaut worden, so dass große Stollenanlagen für die Rüstungsproduktion zum Ende des Weltkrieges genutzt wurden. Den 700 Einwohnern Holzens standen über 10.000 Zwangsarbeiter gegenüber, die in den verschiedenen Lagern untergebracht waren. Die Rüstungsanlagen sind zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, da hier die Wunderwaffe V1 gebaut werden sollte. Hierzu wurde die Minette GmbH gegründet, deren Hauptgesellschafter das Volkswagenwerk war. An der Produktion waren des weiteren Porsche und Siemens beteiligt. Geplant war der Ausbau eines neuen Rüstungsschwerpunktes unter Leitung der Organisation Todt (OT), Dieser Rüstungsschwerpunkt sollte sich über den ganzen Hils erstrecken und war bereits zu großen Teilen vor Kriegsende ausgebaut worden, wobei die Produktion unbedeutend blieb. Genutzt hatte man hierfür das weitverzweigte Stollensystem unter dem Hils.
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Für Historiker ist Holzen insofern interessant, als dass hier auf engstem Raum ein Mikrokosmos von Lagertypen bestand, der die Lagervielfalt des "Deutschen Reiches" widerspiegelte.
Das Zuchthauslager, in dessen Baracken später dann das Kinderheim Rübezahl untergebracht werden sollte, lag im Zentrum dieser Lager. Somit waren in den Randlagen des Dorfes Holzen bis 1945 folgende Lager zu finden:
1. Lager für italienische Militärinternierte
2. Konzentrationslager Buchenwald, Außenstelle Holzen
3. Zeltlager des Konzentrationslagers Buchenwald
Mit diesem kurzen Überblick soll bereits deutlich werden, dass das Kinderheim Rübezahl tatsächlich auf blutigem Boden stand. Die evangelische Kirche, damals Innere Mission, hatte sich wohl bei der Übernahme dieser ehemaligen Zuchthausbaracken nicht ausreichend mit der Geschichte auseinandergesetzt, sonst hätte sie gerade in diesem Heim streng darauf achten müssen, dass die Menschenwürde der ihnen anvertrauten Kinder gewahrt bleibt - von einer Förderung dieser armen Kinderseelen ganz zu schweigen.
Auf die einzelnen Lager soll nun kurz eingegangen werden. Unten stehend ist eine Luftaufnahme vom Februar 1945 zu sehen, bei der die Lager teilweise noch gut zu erkennen sind.
Quelle: Holzen, Chronik eines Dorfes, S. 249
Blau gerahmt: das Zuchthaus Hameln-Celle, später Kinderheim Rübezahl, rechts davon Zelte des KZ Buchenwald, Außenstelle Holzen, rechts unten, KZ Buchenwald Außenstelle Holzen, am Bildrand oben rechts, Lager für italienische Militärinternierte, von Dorfbewohnern auch mit KZ bezeichnet. Die Lager waren mit zweireihigen Zäunen gesichert, die unter Strom standen. Die Straße von Grünenplan nach Holzen wurde gelb nachgezeichnet. An der Landstraße gelegen waren Baracken der OT (Organisation Todt, Wehrbeschaffung), Siemens, Lorenz und Busch.
| 2.1. Lager für italienische Militärinternierte | ||
| Das Lager für italienische Militärinternierte befand sich an der Siebenbachstraße in unmittelbarer Ortsrandlage. Eine Zeitzeugin berichtete mir, dass sie die Schreie der Gefangenen habe hören können. Natürlich seien auch in Holzen die Bewacher der Lager und der KZ-Außenstellen nicht aus dem Dorf gewesen, sondern SS-Mannschaften von weit her. Diese Behauptung bezüglich der SS-Mannschaften wurde später von einem pensionierten Lehrer Holzens hinterfragt. Nach dem Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierte im September 1943 wurde die Armee entwaffent und die nicht kriegswilligen Männer nach Deutschland in die Lager verteilt. In Holzen gab es neben dem Lager an der Siebenbachstraße Lager und Unterkünfte im Saal der Gastwirtschaft "Zum Roten Stein", vor dem Stollen Gustav sowie vor dem nördlichen Eingang der Grube Haarmann. Der italienische Kriegsgefangene Antoni Antonio war es, der nach dem Tod seines Mitgefangenen Virgilio Antonio am 27.05.1944 diesen begrub und damit ohne es zu wissen, damit begonnen hatte, den Friedhof für italienische Militärinternierte zu begründen. Dieser Friedhof wurde 1945 zum Ehrenfriedhof und später zur zentralen Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus im Landkreis Holzminden erweitert. Als Mitte April die Lager um Holzen vor den anrückenden Allierten geräumt wurden, blieb Oberstleutnant der SS Busch, Lagerleiter des Nebenlagers Buchenwald, bis zum Schluss. Er fuhr in einem offen Wagen stehend, in der Hand eine geladene Maschinenpistole und bedrohte jeden, der ihn nicht grüßte. So wurde es mir von der Zeitzeugin in der Siebenbachstraße berichtet. Dies deckt sich auch mit der Erzählung Anonios, der berichtete: "Als ich ihn sah, habe ich ihm eine recht vulgäre Beleidigung entgegengeschrieen. Darauf hat er ein paar Mal in meine Richtung geschossen, mich aber nicht getroffen, weil ich mich sofort zu Boden geworfen hatte und mich in den Sträuchern versteckte." (zitiert aus: Holzen - Chronik eines Dorfes, aaO) | ||
| 2.2 Konzentrationslager Buchenwald, Außenstelle Holzen | ||
| Im September 1944 wurde von einem Häftlingskommando des KZ Buchenwald ein Außenlager für über 2000 Gefangene gebaut. Einen Monat früher hatte man mit dem Bau des Außenlagers der Zuchthäuser Hameln und Celle begonnen. (vgl. hierzu ausführlich: link Otto-Brenner-Stiftung, Seite 53f) In der Öffentlichkeit - wen wundert es - gerieten der Ehrenfriedhof und das KZ-Außenlager von Holzen nach und nach in Vergessenheit. | ||
| 2.3. Zeltlager des Konzentrationslagers Buchenwald | ||
| Wer würde auf der heutigen Wiese den Ort vermuten, auf dem ehemals das Zeltlager stand. Es lag hinter dem Zuchthauslager rechts von der Panzerstraße. 2012 traf ich im Wald ein älteres Ehepaar, einen Weg entlangschreitend. Ich sprach den freundlichen Herren, der deutlich über 80 Jahre alt war, quasi als Zeitzeugen der damaligen Zeit an. Sofort konnte er mir berichten, dass er beim Aufbau des Zeltlagers mitgeholfen hatte, ja man hatte einen Stromzaun zur Absicherung angebracht, aber in diesem Lager seinen nur Halbjuden gewesen, den wäre es doch gut gegangen, die hätten doch nur Schubkarren schieben müssen. Auf die Toten angesprochen, erstarb das Gespräch schnell. Direkt neben dem Zuchthauslager auf der Panzerstraße Richtung dem Konzentrationslager war ein Zeltlager für Häftlinge des Konzentrationslagers errichtet worden. Auch dieses Lager war von einem Starkstromzaun umgeben. Die Häftlinge dieses Lagers wurden u.a. zu Bahnarbeiten herangezogen, arbeiteten aber auch im Projekt "Hecht". | ||
| 2.4. Zuchthauslager, später Kinderheim Rübezahl | ||
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| Zur gleichen Zeit gab es ein Zuchthauslager zwischen Holzen und Grünenplan auf dem Greitberg, wo viele Zuchthäusler u.a. von Hameln ("politische Gefangene") untergebracht waren, die ebenfalls in den Stollen arbeiten mussten. Auch dieses Lager war von einem Elektrozaun umgeben. Dort lebten 600 bis 700 Zuchthäusler, wovon mindestens 36 starben, wahrscheinlich aber mehr. Viele kamen bei der Arbeit in den Stollen um, da diese nur unzureichend gesichert waren. Sicher ist aber auch, dass einige Häftlinge ihr Leben im Lager ließen, weil sie Strafen nicht überlebten. Heute wird vermutet, dass nicht alle Leichen gefunden werden konnten. Sie wurde, soweit ich weiß, erst in den 70er Jahre wieder mühsam aus der Vergessenheit herausgeholt. Große Verdienste hat sich hier der Heimatforscher Creyd erworben. Wer zu den KZ-Häftlingen und Häftlingen des Zuchthauses geschwiegen hat, warum sollte der dann den Mund wegen dieser Kinder im Heim öffnen, Kinder z.B. von gefallen Mädchen oder Kinder von Ostflüchtlingen, die bleiben sollten, wo sie hergekommen waren. | ||
| 3. Erste Nutzungen der Baracken nach dem Krieg | ||
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Zuerst wurden laut Tjaden (Quelle: http://kommissarinternet.blogspot.com/2008/11/holzen-teil-2.html) nach dem Krieg von Mai bis August 1946 vertriebene Deutsche aus Lettland untergebracht, im Mai 1947 wurde dann bereits das Lager wieder aufgelöst. Im Februar 1949 wurde eine erste Bestandsaufnahme der Baracken gemacht. Von den ehemals 28 Baracken waren nur noch 18 vorhanden. Der Verbleib einiger Baracken konnte geklärt werden, wobei 2 Massivbaracken, die als Klosettanlage dienten abgerissen bzw. gestohlen wurden, ebenfalls zwei Holzklosetts (5 x 4 m, und 4 x 2,5 m). Da dieser Abbau später nicht gleich ersetzt wurde, erklärt dies u.a. die desolaten hygienischen Verhältnisse im Heim. Nach dem Weggang der Letten wurden 7 Betonbaracken (25,3 x 10 m) sowie eine Betonbaracke (12,5 x 5,0 m) vom Jugendlager "Rübezahl" benutzt. Die restlichen Baracken, die außerhalb des Lagers Rübezahl liegen, werden vom Kreisjugendpfleger Lüd. nicht genutzt. Mit dieser Entscheidung wird das ehemalige Zuchthauslager und die Büroräume der ehemaligen Organisation Todt jenseits der Straße zum Lager Rübezahl, dem Vorgänger des späteren Kinderheims. Die Entscheidung war insofern sinnvoll, als dass die restlichen Baracken in extrem schlechten Zustand waren. Es fehlten sämtliche Fenster, Rahmen, Türen und alle übrigen Holzteile. Die Zwischendecken waren zerfallen. Die südlich der Straße gelegene Baracke wurde damals von der Asphalt-AG gefordert, um dort Arbeiterwohnungen einzurichten. Das Jugendwohnheim Rübezahl wurde im Sommer 1950 aufgelöst. Es war die Zeit, wo die Eigentumsverhältnisse zwischen der Deutschen Asphalt-AG, der Rüstungskontor-GmbH und Organisation Todt (OT) geklärt wurden. Der Gesamtkomplex umfasste noch 14 Baracken. Hiervon entfielen 8 Baracken auf das Lager "Rübezahl", was in freiem Mietverhältnis dem Kultusministerium unterstand und durch den Kreis Holzminden verwaltet wurde. Schon im August 1950 wurden Gespräche mit der "Inneren Mission", Herrn Pastor Isermeyer und dem Landesamt geführt. Hierbei ging es offensichtlich nur um die 6 Baracken des ehemaligen Zuchthauses und nicht um die Baracken jenseits der Straße, die überdies als baufällig beschrieben wurden. Auf diese erhob die DAG Anspruch. Der Gesamtkomplex der 6 Baracken wurde an die Innere Mission verpachtet ohne Entgelt nur gegen Unterhalt. Die Verhandlungen über Grund und Boden waren mit der DAG zu führen. Hier wurde ein Vertrag über 15 Jahre abgeschlossen, also bis 1965. Die Gemeinde Holzen wurde von den Verhandlungen nur in Kenntnis gesetzt, die beabsichtigt hatte, im OT Lager Rübezahl Flüchtlingsfamilien unterzubringen. Erst 1952 verzichtet die DAG ausdrücklich darauf, die Baracken käuflich erwerben zu wollen, weist aber nochmals darauf hin, dass die Baracken von ihnen gebaut worden waren aber von der Sonderbauleitung OT nicht vollständig bezahlt worden waren. Im März 1953 hat die Innere Mission, Frauenheim in Himmelsthür vor Hildesheim das ehemalige OT Lager Rübezahl mit Genehmigung des Niedersächsischen Landesamtes für die Beaufsichtigung gesperrten Vermögens, Hannover käuflich erworben. 1952 gab es bereits vom Frauenheim eingerichtet eine Baracke mit Krabbelkindern. In dieser Baracke waren gleichzeitig untergebracht eine geräumige Schneider-Reparaturwerkstatt mit einigen Nähmaschinen- Plätteeinrichtung usw., in welcher Mädchen aus Poggenhagen (link) für sich und die Kinder arbeiteten (aus einem Bericht vom 3.6.52). Diese Mädchen wurden mit ca. 7.-DM pro Woche entlohnt. 1952 war bereits absehbar, dass das Lager immer mehr Kinderheim und immer weniger Mädchenerholungsheim wurde. Dennoch war das Lager damals noch mit 63 Jugendlichen Mädchen als Poggenhagen und weiteren 46 Kindern bewohnt. Der Zugang dieser Mädchen lag 1952 täglich bei 5 bis 6 Mädchen. Durch die damalige Sperrung des "Eisernen Vorhangs" sind damals noch große Scharen von Jugendlichen aus der russischen Zone nach West-Berlin übergetreten, die in großem Maße ins Bundesgebiet ausgeflogen wurden. Das Landesjugendamt beklagt damals schon den Charakter einer Kinderverwahranstalt. Der Betrieb sei viel zu stark vom Charakter des Frauenheims bestimmt und damit rein gesundheitlich ausgerichtet. Durch die enorme Fluktuation der Poggenhagener Mädchen wird die Lage als "nicht gerade ganz untragbar aber doch auch nur noch gerade tragbar" bezeichnet, was immer dies auch heißen mag. | ||
| 4. Kinderheim Rübezahl 4.1 Rübezahl, eine der Außenstellen des Frauenheims vor Hildesheim | ||
![]() | 0 | Es war das Jahr 1952, als die Innere Mission der evangelisch-lutherischen Landeskirche Niedersachsens das Lager Rübezahl übernahm. Es wurde zu einer Außenstelle des Frauenheims vor Hildesheim und war seit dem eng mit dem Frauenheim verbunden. Zuerst wurden dort 17- bis 24-jährige junge Menschen untergebracht, die an der Zonengrenze aufgegriffen worden waren. Zu dieser Zeit lebten hier 23 junge Menschen , die die Baracken wieder in Ordnung brachten. |
![]() | Somit kann die Geschichte dieses vergessenen Heimes ohne die Geschichte des Frauenheims vor Hildesheim nicht verstanden werden. Daher ein - vielleicht etwas ausführlicher - Exkurs zur Gründung dieses Frauenheims. Jetzt schon sei vermerkt, dass das Heim Holzen zwar noch in einer Festschrift des Jahres 1959 Erwähnung findet, in späteren Chronologien des Frauenheims vor Hildesheim verschwindet bzw. ich es noch nicht entdeckt habe. | |
Bernhard Isermeyer (1846 – 1909) gründete 1884 mit der Schmiede von Achtum das Frauenheim vor Hildesheim. 1887 wurde ein Grundstück in Himmelsthür erworben und bereits 1888 dorthin umgezogen.
Emil Isermeyer übernimmt das Frauenheim, setzte den Schwerpunkt auf die Fürsorgeerziehung.
1929 beherbergten Frauenheim und Lindenhof 280 Fürsorgezöglinge, 1934 war die Zahl auf 165 gesunken.
1938 übernimmt Hans-Georg Isermeyer die Leitung des finanziell belasteten Frauenheims und setzt im selben Jahr durch, dass 110 Frauen aus der Heil- und Pflegeanstalt Langenhagen aufgenommen werden. Bereits 1938 wurden in Deutschland jüdische Bewohner psychiatrischer Anstalten erfasst. Drei jüdische Frauen wurden 1940 abtransportiert, Nachfragen wurden nicht beantwortet. Erst 1968 wurde in einem Prozess deutlich, dass diese drei Frauen vermutlich vergast wurden. Hans-Georg Isermeyer verweigerte die Unterschrift unter Fragebögen, die Menschen mit geistiger Behinderung erfassen sollten, weil für ihn offensichtlich war, dass eine Unterschrift einem Todesurteil gleich käme. Am 22.03.1945 wurden große Teile der Anstalt durch Brandbomben zerstört. Bis 1949 gab es große finanzielle Probleme, teilweise konnten Löhne nicht gezahlt werden.
Für die schwangeren Frauen des Lagers Uelzen-Bohldamm wurde 1949 eine Entbindungsstation in Himmelsthür eingerichtet, in der zwischen 1949 und 1959 1400 Kinder geboren wurden. Wegen fehlender Fachkräfte gründete Hans-Georg Isermeyer 1955 eine Kinderpflegerinnenschule die bereits nach einem Jahr zum Examen führte.
1959 waren in Himmelsthür 150 bis 160 Kinder untergebracht. Seit 1951 reichte die Kapazität in Himmelsthür nicht mehr aus und es mussten erweiterte Lösungen gesucht werden. So wurde 1952 vom Frauenhaus Himmelsthür das Lager von Holzen mit 14 Baracken erworben, nachdem die Unterbringung der Mädchen als gescheitert gewertet werden musste.
Eine Chronik berichtet, dass 1959 im Kinderheim Rübezahl 105 Kinder im Alter von 2 bis 14 Jahren untergebracht waren. 50 Kinder waren damals bereits schulpflichtig und gingen in die Dorfschule nach Holzen. Geworben wurde „mit bestem Reizklima für Kinder. Wir erleben es selten, dass in Holzen Kinder, trotzdem sie ständig in der freien Natur sind, zu Erkältungskrankheiten neigen."
Die Hälfte der Kinder kamen damals über ein Lager in Uelzen, viele aus dem Frauenheim vor Hildesheim, Himmelsthür.
Die Außenstellen des Frauenheims vor Hildesheim mit Belegung waren:
1. Hauptanstalt
• Fürsorgeerziehung schulentlassener Mädchen
Betten: 230
• Säuglings- und Kleinkinderabteilung
Betten: 200
• Schwangere und Mütter
Betten: 45
• Lindenhof: Schwachsinnige vom 14. Lebensjahr an
Betten: 320
2. Außenstationen
• Kinderpflegerinnenschule Wahmbeck
Betten: 55
• Kleinkinderheim Wahmbeck
Kinder von 3 Jahren an aufwärts
Betten: 30
• Kleinkinderheim Lüdersen
Kinder im alter von 2 Jahren an aufwärts
Betten: 40
• Buchenhof Lüdersen
Betten 40
• Ith-Haus Lüdersen
spezial-pädagogische Abteilung der Fürsorge
Betten: 35
• Kinderheim Holzen
Aufnahme von Jungen und Mädchen von 2 bis 14 Jahren
Betten: 110
• Kinderheim am Ith, Haus Harderode
Aufnahme von Kindern im Alter von 2 bis 6 Jahren
Betten: 35
• Mädchenheim am Ith, Haus Harderode
Fürsorge und freiwillige Erziehungshilfe
Betten: 45
• Boksberg bei Sarstedt
Aufnahme geistig gehinderter Frauen
Betten: 55
• Boksberg bei Sarstedt
Aufnahme imbeziller Klein- und Kleinstkinder
Betten: 30
• Kinderheim Jungborn
Aufnahme imbeziller Klein- und Kleinstkinder, Spezialabteilung
4.2 Der Vorstand des Frauenheims vor Hildesheim in den 50er und 60er Jahren
| Der Vorstand des Frauenheims vor Hildesheim Anfang 1959, Festschrift, S. 57 | 0 | Insgesamt betreute das Frauenheim vor Hildesheim 1959 fast 1400 Menschen. Das Frauenheim vor Hildesheim wurde durch einen Vorstand verwaltet und verantwortet, dem 1959 insgesamt 16 Mitglieder angehörten. Der Vorstand trat i.d.R. drei- bis viermal im Jahr zusammen, um über die Entwicklung der Gesamtanstalt zu beraten. In dieser Zeit war der Vorsitzende des Vorstandes der Landessuperintendent Herr Detering, Hildesheim. |
Der Vorstand des Frauenheims von Hildesheim setzte sich 1959 wie folgt zusammen:
Landesrat Dr. jur. Georg Andreae, geb. 1888, war von 1934 bis 1945 Verwaltungsdezernent für die Heil- und Pflegeanstalten in der Provinzialverwaltung Hannover. Diese Verwaltung betreute bei Kriegsbeginn ca. 7000 Geisteskranke und Schwachsinnige. 1669 dieser Patienten wurden 1941 im Rahmen der T4 Aktion in außerhalb der Provinz Hannover gelegenen Zwischenanstalten transportiert, wobei davon auszugehen ist, dass 90% der „Verlegten“ in Hadamar und Sonnenstein getötet wurden. Dr. Georg Andreae musste sich 1950 als einer von drei Angeklagten vor dem Schwurgericht Hannover wegen „Beihilfe zum Mord“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verantworten.
In seiner Position als Verwaltungsdezernent wies Andreae im Februar 1941 nach Vorliegen des „Führererlasses“ die Direktoren der Anstalten Hildesheim, Göttingen und Lüneburg an, die „planwirtschaftliche Verlegung auf Befehl des Führers“ durchzuführen. Da der Befehl vom Reichsverteidigungsministerium ergangen war und es sich damit es sich um eine "militärische Angelegenheit handeln würde", sah es sich trotz Glaubenszweifel außerhalb seiner Verantwortung.
Andreae war als Mitläufer eingestuft. Er hielt Widerstand für zu gefährlich, auch im Wissen darum, dass die T4-Aktion eine Euthanasie-Maßnahme war. Auch nach dem Krieg begleitete Dr. Andreae leitende Positionen.
link, S. 253ffm Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit, Hrsg. Norbert Frei, München: Oldenbourg, 1991
link, S. 37f
Nach 1959 kamen folgende Vorstandmitglieder hinzu, wobei die Aufzählung nur fragmentarischen Charakter hat. Auch das Ausscheiden der oben genannten Mitglieder ist mir nicht bekannt.
4.2 Der Vorstand und Pastor Hans-Georg Isermeyer
Die Verdienste Pastors Hans-Georg Isermeyer müssen in den 50er und 60er Jahren vom Vorstand als hoch eingeschätzt worden sein. Das Frauenheim vor Hildesheim stand bereits vor dem Weltkrieg wirtschaftlich nicht sonderlich gut da, nach dem Krieg waren viele Gebäude zerstört, Personal keines Vorhanden und viel Improvisationsgeschick von Nöten.
In relativ kurzer Zeit ist es Pastor Isermeyer nach dem Weltkrieg gelungen, sich in den neuen Strukturen zurechtzufinden und mit viel Geschick die einzelnen Bereiche des Frauenheims wieder aufzubauen und zu vergrößern.
So konnte er sich innerhalb kurzer Zeit eine unangefochtene Position innerhalb des Vorstandes erarbeite. Dass dabei sein Namen ihm eine unangefochtene Autorität verlieh, mag nicht verwundern.
Auf der anderen Seite weisen Dokumente aus der damaligen Zeit klar darauf hin, dass Pastor Hans-Georg Isermeyer ein cholerischer Zeitgenosse gewesen sein muss, der Widerspruch nicht duldete. Durch die bereits Ende der 50er Jahre erreichte Größe der Einrichtung und den sich daraus ergebenden Monopolen in der Behindertenhilfe, aber auch der Jugendhilfe insb. im Bereich der Fürsorgezöglinge, stand er von allen unangefochten an der Spitze des Frauenheims.
Eine Kontrolle durch den Vorstand fand nicht statt. Zu groß waren mittlerweile die Abhängigkeiten geworden, zu gering auch der Sachverstand, um ihm in den Sitzungen Paroli bieten zu können. Mit drei bis vier Sitzungen pro Jahr war eine Kontrolle der fachlichen Standards wohl auch nicht gewollt. Es darf unterstellt werden, dass der Vorstand kaum der wirtschaftlichen Entwicklung des Frauenheims vor Hildesheim folgen konnte.
Landessuperintendent Detering trat im Zuge des Skandals um drei entlassene Mitarbeiter 1967 angeblich aus gesundheitlichen Gründen zurück. Vorausgegangen waren Berichte der Mitarbeiter über unhaltbare Zustände in Häusern des Frauenheims, die als Petition an die Sozialministerin a.D. Frau Meyer-Sevenich gerichtet waren.
Zwar konnten noch aufgrund der guten Verbindungen zwischen Pastor Hans-Georg Isermeyer und dem Leiter des Landesjugendamtes Niedersachsen, Herrn Oberregierungsdirektor Wolff, die von einer Untersuchungskommission geforderten Berichte gefälscht werden, dennoch war im Laufe dieser Ermittlung deutlich geworden, dass es dem Vorstand nicht gelungen war, den Machenschaften Isermeyers Einhalt zu gebieten.
4.3 Einfluss der Politik des Vorstandes des Frauenheims vor Hildesheim auf die katastrophalen Verhältnisse in den Außenstellen
Das Lager Ülzen-Bohldamm, nordöstlich von Hannover, war 1948 Auffangzentrale für hunderttausende Flüchtlinge. Es war mit ca. 3000 Flüchtlingen belegt, die in engsten Verhältnissen lebten. Caritas und Innere Mission versuchten die Not zu lindern. Für „illegale“ und „nichtanerkannte“ Flüchtlinge, die in Ülzen-Bohldamm nicht bleiben konnten, wurde das Lager „Eichenhof“ in Tätendorf gegründet, wo Mütter mit ihren Kindern aufgenommen wurden. Die Mütter sollten Wiederaufbauarbeit leisten können und ihre Existenz sichern lernen, um dann ihre Kinder wieder aus dem Heim abholen zu können. Wie freiwillig diese Prozesse liefen, lässt sich für mich nicht überblicken. Immer wieder, so die Festschrift, seien Pater Hans-Georg Isermeyer in beiden Lagern schwangere Frauen begegnet, die nicht wussten, wo sie ihre Kinder entbinden sollten und für sich keine Zukunft sahen, so dass 1949 im Haupthaus Frauenheim in Himmelsthür eine Entbindungsstation aufgebaut wurde. Von 1949 bis 1959 wurden über 1400 Säuglinge geboren, die mit ihren Müttern versorgt werden mussten. Die meisten dieser Säuglinge wurden unehelich geboren, „die die Mütter noch nicht zu sich nehmen konnten“, wie es in der kleinen Festschrift heißt. „Wir wissen, dass es ja immer nur eine Ersatzerziehung sein kann; aber gerade diese muss in Verantwortung für das Kind ernst genommen werden.“ Gestartet wurde mit einer Entbindungsstation mit 20 Betten, schnell folgten in größtmöglicher Geschwindigkeit weitere Stationen, weil der Bedarf sprunghaft stieg. 1955 lebten bereits 160 Säuglinge und Kleinstkinder im Frauenheim. Da es kein ausreichendes Fachpersonal für diese Aufgaben gab, wurde 1955 in Lüdersen eine Kinderpflegerinnenschule gegründet die bereits 1958 aufgrund Platzmangels nach Wahmbeck verlegt werden musste.
Gleichzeitig gab es weiterhin im Frauenheim die Abteilung Fürsorgeerziehung für über 200 Mädchen. In der Festschrift wird die Frage gestellt, ob es überhaupt einen Sinn machen kann, sich dieser Mädchen noch anzunehmen, da der Erfolg doch sehr fraglich ist. Auch wurde die Fürsorgeerziehung für Mädchen von Teilen des Vorstandes (?) hinterfragt. Man sprach von einer „negativen Massierung im Frauenheim“, so dass der Vorstand des Frauenheims 1955 „den Ankauf des so genannten Buchenhofes in Lüdersen bei Hannover“ beschloss. Und nun wurden von der Inneren Mission unter fachlichen Gesichtspunkten zwei ungeheuerliche Entscheidungen getroffen, die auf Seite 34 bis 39 der Festschrift nachzulesen sind:
Erste Fehlentscheidung:
"Es mag erstaunlich klingen, dass wir den Mächen auch die Gelegenheit geben, einen sozialen Beruf zu ergreifen, z.B. unsere Kinderpflegerinnenschule in Wahmbeck zu besuchen ..." (S. 32)
Diese Frauen wurden nach nur einjähriger Ausbildung auf die kleinen Kinder losgelassen, die vom Frauenheim in Himmelsthür in die Außenstellen in einem Alter von 1 bis 2 Jahren verlegt wurden.
Zweite Fehlentscheidung:
…"Um der Mächen willen und um ihren Kontakt zu kleinen Kindern zu stärken und durch diesen eine langsame aber systematische Haltungsänderung zu erreichen ist auf dem Gelände des Buchenhofs noch ein Haus für 30 bis 40 Kinder eingerichtet worden. Hier haben wir neben selbstverständlich geschultem Personal auch mit guten Erfolg Mädchen eingesetzt, die der Fürsorgeerziehung überwiesen sind. Wir stärken durch diese Arbeit ihr Verantwortungsgefühl und hoffen, dass sie später, wenn sie verheiratet sind, nicht nur wissen, wie es um die Pflege des Kindes steht, sondern durch die frühere Tätigkeit bei Kindern ihre Rehabilitierung erfolgen konnte. Sinngemäß gilt das von allen Stationen, auch den Säuglingsstationen der Gesamtanstalt. So ist es im Frauenheim zu der Form der Fürsorgeerziehung gekommen, dass eine Mutteranstalt da ist, die die Mädchen aufnimmt und je nach Anlage und Erziehungsnotwendigkeit en an die verschiedenen Außenheime verteilt."
Junge Frauen der Fürsorgeerziehung die selber unter einem repressivem Erziehungssystem litten, wurden in nur einem Jahr zu Kinderpflegerinnen ausgebildet und dann in die einzelnen Außenstellen von Himmelsthür verschickt und auf die kleinen Kinder losgelassen.
In diesen unsäglichen Entscheidungen des Vorstandes, der von Pastor Hans-Georg Isermeyer in blumigen Worten dargestellt wird, dürfte u.a. der Terror des Kinderheims Rübezahl zu verstehen sein.
Frisch ausgebildete junge überforderte Kinderpflegerinnen, die selbst aus der Fürsorgeerziehung kamen, wurden Mädchen zur Seite gestellt, die völlig unreif selber noch der Fürsorgeerziehung bedurften. Gleichzeitig wurden diese Frauen und Mädchen völlig unzureichend kontrolliert.
Die Kinder in den Heimen wurden von der Inneren Mission mehrfach missbraucht:
Missbraucht wurden die Kleinkinder, weil sie als Erziehungsfaktor eingesetzt wurden für Mädchen die der Fürsorgeerziehung beduften.
Missbraucht wurden die Mädchen der Fürsorgeerziehung, weil sie mit ihrer ganzen Unreife ein Aufgabenfeld zugewiesen bekamen, was sie völlig überfordern musste.
Missbraucht wurden die frisch ausgebildeten Kinderpflegerinnen, weil sie eine Aufgabe zugewiesen bekamen, der sie niemals gewachsen sein konnten.
Zitat S. 39: „Die Liebe zum Kind ist ein entscheidender Erziehungsfaktor, der geweckt und gepflegt werden muss. Darum sind in allen Außenstationen des Frauenheims, in der sich Kinder befinden, auch Mädchen aus der Fürsorgeerziehung eingesetzt."
4.4 Die Entwicklung vom Lager Rübezahl zum Kinderheim Rübezahl
Zurück nach Holzen zum Kinderheim Rübezahl:
| 0 | Seit 1955 wurde das Lager zu einem Kinderheim der "Inneren Mission", die dort zuerst gefallene Mädchen unterbrachte.Schnell kam wohl das Lager in den Ruf, dass dort Prostituierte wohnten. Das Konzept hatte sich nicht bewährt und es wurden kleine Kinder aufgenommen. |
| Diese Aufnahme entstand nach 1964, als es bereits Spielgeräte gab. Im Hintergrund sind die Baracken gut zu erkennen. | ||
| 1963 musste die Heimleiterin Frau Klara Meyer ein Jahr vor ihrer Pensionierung das Heim verlassen. Mit ihr ging zeitgleich Frau Ilse Wildhagen. Was war passiert? Bisher gibt es hierauf keine Antwort! Der inneren Mission wurde der Pachtvertrag 1968 gekündigt. 1972 zogen die verbliebenen 50 Kinder in das Haus Harderode um. Angeblich wurde das Haus geschlossen, weil das Gelände einsturzgefährdet war. Unter dem Heim sollen sich Stollen befunden haben, in denen im 2. Weltkrieg die KZ-Häftlinge für die Rüstungsindustrie gearbeitet hatten. |
Wirklich kein guter Boden für ein Heim!
4.5 Ende des Kinderheims Rübezahl